Free your Kids! Oder warum man einfach mal unvernünftig sein muss

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Der Mensch ist frei geboren und doch liegt er überall in Ketten. Der französisch-schweizerische Philosoph Jean-Jacques Rousseau war bereits 1755  dieser Meinung. Wenn man sich durch die täglichen Nachrichten zappt, ist man geneigt zu sagen: Ja! Genau! Recht hat er! Das geht leicht über die Lippen. Ich weiß. Aber wir betreiben hier keinen Stammtisch-, sondern einen Vaterblog. Ob da überhaupt ein Unterschied existiert, sei mal dahingestellt.

Was das alles mit unseren Kindern zu tun hat? Ganz einfach: Wir Erwachsene wollen möglichst effizient leben, uns permanent selbst optimieren und alles vermeiden, was lustvoll, aber scheinbar schlecht für uns ist. „Deshalb trinken wir Bier ohne Alkohol, essen Margarine ohne Fett und haben im Internet Sex ohne Körperkontakt“, so der wohl wichtigste zeitgenössische Philosoph Robert Pfaller. Wir fühlen zwar keinen Druck von außen, dafür aber einen inneren Stress, immer besser zu werden. Unser selbstauferlegte Drang nach Perfektion, Selbstdisziplin und Vernunft ist jedoch nicht auf uns Erwachsene begrenzt. Nein. Er schwappt auch auf unsere Kinder über.  

Der Teufelskreis des stetigen Verbesserns und Erhaltens ist aber endlich und letztendlich auch die Achillesverse unserer Gesellschaftssysteme. Keine Angst: Dieser Text wird kein Aufruf zur Anarchie. Aber eins steht fest: Wir richten unsere Kinder ebenfalls in Richtung Effizienz und Erfolg ab. Wir übertragen unser tyrannisches Über-Ich, das uns dazu bringt, uns nichts zu gönnen und uns ständig zu fürchten auf unsere Kleinen. Und das in jeder Lebenslage. Ob beim Malen, beim Spielen oder beim Besuch bei Familien und Freunden. Wir leben nach der Gleichung: Gutes Kind = Gute Eltern. Ständig zupfen wir an den Kleinen rum, mäßigen Sie beim Spielen und geben Anweisungen. Klar, man kann der Meinung sein, dass sei der Kern von Erziehung. Ich finde es teilweise sehr übertrieben.MaßvollenMäßigen

Woher ich das  alles nehme? Nun ja, da gibt es einige Zahlen:  Zwischen 2006 und 2011 stieg die diagnostizierten ADHS-Fälle um 42 Prozent; im Alter von elf Jahren erhielten rund sieben Prozent der Jungen und zwei Prozent der Mädchen das Medikament Ritalin; Kitas schließen, weil Nachbarn gegen den Lärm klagen; sportliche Aktivitäten im Freien werden aufgrund der Lärmbelästigung eingeschränkt; der schulische Druck war noch nie so groß wie heute und Vereine, Spielgruppen und Elterninitiativen sind dazu da, um „aufzupassen“, dass beim „freien“ Spielen nichts passiert etc.. Nicht umsonst sind laut einer UNICEF-Studie deutsche Kinder trotz besserer Lebensumstände unglücklicher als die Kinder in den meisten anderen Ländern der Welt. 

Die „Survival of the fittest“-Doktrin kommt nicht nur von denen „da oben“. Wenn es um das vermeintliche Wohl unserer Sprösslinge geht, sind wir Eltern nicht zu stoppen. Ich will mich hier gar nicht außen vor lassen und einen auf Moralapostel machen. Ich sitze mit im Boot, welches ich zum Sinken bringen möchte. Aber eins ist mir bewusst: Wer nur vernünftig ist, funktioniert wie eine Maschine. Das ist nicht lebenswert.  Obwohl wir Querdenker aufwachsen sehen wollen, erziehen wir ein mit Scheuklappen ausgestattetes Ich 2.0.

Kindliche „Try and error“-Experimente rücken gegenüber „Safety first“-Lebensweisheiten in den Hintergrund. Wer von dieser Norm abweicht, wird als asozialer Freak, der seine Kinder nicht unter Kontrolle hat, abgekanzelt. Statt ihrem Beispiel zu folgen, wird bloß mit dem Finger auf sie gezeigt. Für mich gibt es aber einen fundamentalen Unterschied zwischen asozialem und rebellischem Verhalten:

Asoziale überschreiten unbewusst und aus bloßer Unkenntnis Grenzen. Rebellen überschreiten bewusst gelernte Grenzen, um sich – im Idealfall für einen kurzen Moment – aus den pädagogischen Ketten zu lösen. 

Vielleicht müssen wir Erwachsene wieder lernen, wie schön kindliche Unvernunft eigentlich ist. Ich werde mein Kind also nicht mit drei Jahren zum Logopäden schicken. Noch werde ich die Erzieher in der Kita dazu anhalten, mit mir die Tagesabläufe der nächsten drei Wochen im Detail zu besprechen. Solange sich mein Kind auf die Kita freut, ist für mich alles in Butter. Ich habe für mich entschieden mehr Mut zu beweisen und Ineffizienz gepaart mit Unvernunft zuzulassen. Denn dies sind die einzigen wirklichen Freuden und Triumphe, die wir im Leben haben. Dazu gehört auch mal, die Kinder kindisch sein zu lassen.

Meine Frau hat jetzt schon Angst. Nachdem ich Ihr den Text vorgelesen habe, sagte sie zu mir:

[Tweet „Immer, wenn Du unvernünftig bist, tut sich unsere Kleine weh.“]

Da ist was dran. Ich verspreche, dass ich aufpassen werde und ein Stück Restvernunft zulasse.

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Babyvater

Babyvater

Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater einer Tochter. Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

9 Antworten

  1. Sven sagt:

    ja, sehr schön. Man sollte sich immer ein wenig Kindsein bewahren. Astrid Lindgren sagte einmal „Und dann schreibe ich so, wie ich mir das Buch wünsche, wenn ich selbst ein Kind wäre. Ich schreibe für das Kind in mir.“ Und sie hatte Recht.
    Wie schön Kinderlärm doch ist, zeigt es doch, dass die Kinder aktiv sind, ihrer Phantasie freien Lauf lassen etc. – allen Eltern lege ich das Lied mal ans Herz https://www.youtube.com/watch?v=FJDTtGhsoTk – weniger Perfektionieren könnte nicht schaden.

  2. Rike sagt:

    Schöner Vorsatz! Wie alt ist das holde Kind? Ich freue mich auf die Fortsetzung des Experimentes und hoffe auf Berichterstattung. Erschwerend sind oft die Umweltbedingungen, aber das hast du ja schon erkannt :). Noch was Klugscheißerisches zum Schluß: Ritalin ist eine Marke. Das Medikament heißt Methylphenidat. Sonnige Grüße aus Saggsn

    • Babyvater Babyvater sagt:

      2 1/2. Also noch zu klein für Mandarin. Erst muss Sie noch den Russischkurs erfolgreich abschliessen! Vg, Babyvater

  1. 16. Mai 2014

    […] bin dein Vater… …spricht mir in Free your kids! Oder warum man einfach mal unvernünftig sein muss aus dem […]

  2. 20. Mai 2014

    […] einen sportlichen Wettstreit machen. Über den ständigen Optimierungswahn von Eltern haben wir uns ja bereits ausgelassen. Besonders perfide wird es, wenn sie ihr eigenes Kind in aller Öffentlichkeit als Nichtskönner […]

  3. 8. Juli 2014

    […] mäßigen wir ständig uns selber und unsere Kleinen. Das Thema treibt mich schon länger um. Ich habe auch versucht dieses Trauma in einem Blogpost zu beschreiben, was mir sehr schwer gefallen ist. Letztendlich bemerkt man diese unzähligen Verhaltensregeln, […]

  4. 21. Oktober 2014

    […] Manche Eltern ersparen ihrem Säugling kein Angebot vom Babyschwimmen bis zur musikalischen Früherz…. Sie hetzen von einem Termin zum nächsten und merken gar nicht, wie ihnen die wertvolle gemeinsame Babyzeit ihnen zwischen den Fingern zerrinnt und der so wichtige stressfreie und spielerische Eltern-Kind-Dialog wegen überfüllter Terminkalender ausfällt. Doch zum Nachholen versäumter Gelegenheiten ist es nie zu spät. Auch im Vorschulalter sind Eltern als Spielgefährten gefragt. Leider gibt es aber diese klassischen Entwicklungstabellen, die sagen, was ein Kind in einem bestimmten Alter können sollte. Dies fördert den kontraproduktiven Entwicklungswettbewerb, dem Kinder leider oft ausgesetzt sind. Eltern erleben ihn beispielsweise, wenn sie auf dem Spielplatz angesprochen werden: »Was, Ihr Kind spricht noch nicht in ganzen Sätzen! Oh, wie alt ist es denn? …« Wenn andere Eltern prahlen: »Montags gehen wir zum Ballettunterricht, dienstags zum Englischkurs, mittwochs zum Geigenunterricht, donnerstags zur Logopädie und freitags zum Feldenkrais «, sollten Sie mit Stolz antworten: »Mein Kind hat die ganze Woche gespielt, mal mit anderen Kindern, mal mit uns und ab und zu auch allein. Es hat sehr viel Spaß am Leben!« […]

  5. 6. Februar 2015

    […] die in ihrer Altersvorsorge kompensieren wollen, sind zunehmend auf dem Vormarsch. Lasst die Kinder doch wieder Kinder sein! Wenn sich Zehnjährige in Outfit und Wortwahl nicht mehr von ihren Akademiker-Eltern […]

  6. 3. Februar 2017

    […] „Jedes Kind ist ein Künstler. Das Problem ist nur, wie man ein Künstler bleibt, wenn man größer wird.“ Picassos Zitat ist aktueller denn je. Der Hirnforscher Gerald Hüther unterstreicht in seinem Buch „Jedes Kind ist hoch begabt“ (Partnerlink) diese These. In Schulen würden Kinder nicht lernen kreativ zu sein, sie ver-lernen es. Wir würden unsere Kinder wie junge Erwachsene behandeln. Wir mäßigen sie unverhältnismäßig und stoppen sie in ihrer kreativen Entfaltung. Ich würde behaupten, dass nicht nur Schulen an dieser Misere schuld sind. Nein, auch wir Eltern sind es, weil wir die Verzweckung unseres Lebens 1zu1 auf unsere Kinder übert… […]

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