Papa? Wo kommen wir eigentlich her?

Maryam Grecce 2006 nr2 091

Ich bin gebürtiger Grieche und besitze die doppelte Staatsangehörigkeit. Meine Frau ist gebürtige Perserin/Iranerin und ist deutsche Staatsangehörige. Meine Tochter wiederrum… Wen interessiert das alles?

Leider viel zu viele. Verwandte von guten Freunden. Kunden. Call-Center-Agents oder Drückerkolonnen.

Meine arme Tochter. Die Definition Ihrer Herkunft wird eine Small-Talk-Arie Prima Categoria werden. Was anfangs cool ist, wird auf Dauer jedoch richtig nervig.

Ein Leben lang war mir egal welchen Ausweis ich bei mir trug. Nationalitäten sind doch voll Mittelalter. Ein Relikt der Vergangenheit. Wir sind doch alles Europäer. Das waren meine Worte. Leider habe ich mich geirrt.

Zum  Thema doppelte Staatbürgerschaft hat das Polit-Magazin Cicero etwas kluges formuliert:

Kein Zweifel, die Einführung der doppelten Staatsbürgerschaft ist überfällig. Sie gehört zu einer modernen Einwandergesellschaft. Migranten pendeln in der globalisierten Welt zwischen Kulturen, zwischen Identitäten und zwischen Ländern. Sie leben nicht mehr in einer Welt, sondern in mehreren Welten, in zwei, manchmal sogar in drei. Sie sind mit Flugzeug, Fernsehen und Facebook ständig zwischen diesen Welten unterwegs. Sie steigen nicht mehr auf die Mayflower, um den alte Kontinent hinter sich zu lassen und in ein neues Leben aufzubrechen. Im 21. Jahrhundert leben Migranten in Doppelidentitäten. Dass sie zwei Pässe haben, ist dafür ein Symbol.

Unvergesslich, wie mein Prof. an der Uni Bonn Prof. Dr. Christian Hacke nach einem von mir gehaltenen Referat, das Lob des Todes aussprach: “Na, seht Ihr wie gut unsere ausländischen Mitstudenten Deutsch sprechen!”. Ich stand da wie der letzte Depp. Das ist nun fast 10 Jahre her und ich rege mich immer noch tierisch auf. Solche Dinge passieren mir immer wieder.

“Was macht Ihr mit unserem EURO?”, wurde ich letztens um 1 Uhr Nachts auf einer Party gefragt. Geht’s noch? Der Typ war etwa gleich alt wie ich, und soweit ich weiß, kein BILD-Abonnent. Dafür aber fast so voll wie diese faulen Griechen in den Tavernen.

„Griechenland? Super! Die machen tollen Döner!“

“Sprechen Sie Deutsch? Was ist das denn für ein Ausweis? Haben Sie nichts anderes dabei? Das sieht ja aus wie bei Monopoly!”. Das ist für mich Alltag an deutschen Flughäfen (in keinem anderen Land habe ich jemals Probleme gehabt). Und nur, weil neben der lateinischen auch die kyrillische Schrift abgedruckt ist. Während meine Fluggesellen auf mich warten, stehe ich minutenlang am Schalter. Wenn Kunden dabei sind, doppelt peinlich! 
– Aktualisierung: Zum Thema „Racial Profiling“ berchtete  von DER ZEIT kürzlich –

Dabei braucht man gar nicht so weit auszuholen. Ortsfremde leben schon immer mitten unter uns:

Im Endeffekt sitzt man zwischen den Stühlen. Meine Frau und ich sind im Großen und Ganzen hier aufgewachsen. Uns fällt gar nicht mehr auf, dass wir keine blonden Haare haben. Immer wenn ich nach meinem Urlaub in Griechenland “Wie war es daheim?” höre,  bin ich im ersten Moment perplex und weiß nicht worauf mein Gegenüber hinaus will. Dann klingelt es!  Es wird einem schlagartig klar, dass man ja kein richtiger Deutscher ist.

Um eins klar zu stellen: Die meisten sind nicht fremdenfeindlich oder rassistisch eingestellt. Auf keinen Fall. Die meinen es auch nicht böse. Es ist eher eine fundamentale Einstellung. Deutschland ist ein Einwanderungsland, wird jedoch nicht als solches angesehen. Man bleibt ein Fremder, ein Geduldeter, der erst beweisen muss, dass er würdig ist hier zu leben. Punkt! Und solange Testasteronaddicts wie Thilo und die CSU ein Sprachrohr haben, werden Stereotypen nach wie vor auf oberster Instanz hofiert. Ob Armutszuwanderung, Angst vor Überfremdung im eigenen Land oder Paranoia wie „Landnahme im Kreissaal“: Wir haben einen langen Weg vor uns!

Ich freue mich schon jetzt, wenn meine Tochter auf mich zukommt und folgendes fragt: “Papa? Wo kommen wir eigentlich her?” . Bis es soweit ist, lasse ich mir eine gute Antwort einfallen.

Fakt ist: Wir Zuwanderungsheinis haben mehr als Einstaatler. Mehr an Kultur, mehr an Sprachen, mehr an Tradition.

Meine Tochter wächst beispielsweise dreisprachig auf. Ich finde das Hammer und bin gespannt, ob Sie die Sprachen auch nutzt. Wir werden diese Vielfalt so gut wie es geht pflegen und weiterführen. Weil es ein Gewinn ist. Für alle!

Für alle, denen diese Aussagen nicht reichen und meinen, man müsse sich entscheiden zu welchem Land man angehören will, habe ich eine Grafik aufbereitet. 😉

Herkunfts_Kuchendiagramm

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Babyvater

Babyvater

Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater einer Tochter. Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

14 Antworten

  1. Joy sagt:

    Oh kenn Ich !
    Reise Ich nach Perú mein Geburtsland, muss Ich immer gut überlegen: mit peruanischem Pass einreisen und schweizer Pass zurück, um eventuell wegen Kokain angehalten zu werden – halt spielt keine Rolle, da ein Riesenknopf entscheidet ob ich was bei mir hab, solle er rot aufleuchten.

    Weniger schmeichelhaft ist – waaas Du bist Peruanerin, sieht man Dir so gaar nicht an. Tja weisst Du wollt halt immer wie die japanische Version vom schweizer Kult, Heidi sein – blond.

    Auf die Fresse kriegen – so viel zu Mädchen schlägt man nicht – weil wir Zuhause spanisch sprechen. Fazit:

    Heute spreche ich nebst zwei Sprachen, ziemlich gut französisch – meine Wahlsprache. Noch drei dazu. Lache herzlich über jedes waaas und erfreue mich voller Stolz, über einen gelungenen Text zum Thema.

    Bestimmt mal Babytochter’s Stolz !
    Die Viellfalt&Schönheit ihrer Wurzeln.

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Ich glaube, dass es hunderte solcher Beispiele gibt. Mittlerweile kann ich auch sehr gut darüber lachen. Danke für den netten Kommentar! Lg, Babyvater

  2. Rike sagt:

    Sehr schöner Text und mutig dazu (Zitat Prof

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Danke Dir! Ich wollte immer schon mal den Typen meine Meinung geigen. Der wird es aber leider nie lesen. Dafür ist er zu analog mit seinem Teleprompter… 😉 Lg, Babyvater

  3. Herzmutter sagt:

    So, hab mir auch mal euren Blog angeschaut – hammergeil, mehr davon! Und was das mit der Frage nach der Herkunft angeht, ich fürchte die Deutschen (haha, nächster Schubladenöffner) stehen einfach auf Kategorien. Kann ich schon verstehen daß das echt grausam ist… wenn andere so bekloppt sind.

    Liebe Grüße, Janina

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Ich habe es etwas überspitzt formuliert. Man hat auch durchaus Vorteile. Dieser Blogpost wird aber noch folgen. 😉

  4. Here sagt:

    Unvergessenes Highlight dieser Kategorie: der Vietnamesischer Kollege mir gegenüber bekommt einen internen Anruf. Er wird erst blass, dann etwas rot. Dann antwortet er: Ich spreche zwar fließend Asiatisch aber mit der koreanischen Übersetzung kann ich Dir nicht helfen. Und legt auf.

  5. sonja sagt:

    Danke Janni! Großartig und gut reflektiert – soweit ich das als Einstaatlerin überhaupt beurteilen kann.
    Liebe Grüße, auch an Frau und Tochter :-), Sonja

  1. 24. Mai 2014

    […] Warum ist das Herkunftsland immer so wichtig? Und warum muss Kultur in territorialen Grenzen definiert werden? Fragen, die nur eine Gesellschaft als Ganzes beantworten kann. Ich befürchte nur, dass es noch eine ganze Weile so bleiben wird. Meine Tochter wird hoffentlich damit klar kommen. […]

  2. 2. Oktober 2014

    […] aus dem einen oder anderen Post hier bereits bekannt ist, bin ich ein Kölner Grieche. Über griechischen Familiensinn muss ich Euch ja nichts erzählen. Er […]

  3. 25. Februar 2015

    […] mache es gerne, weil ich spontan ein paar “Klassiker” parat habe. Ich habe bereits in der frühen Phase dieses Blogs meine Befürchtung breitgetreten, dass es meine Tochter in Zukunft schwer haben würde, ihre Herkunft in einem Satz zu […]

  4. 8. Oktober 2015

    […] Machen wir uns nichts vor. Es ist schwer. Noch schwieriger ist es bei meiner kleinen Familie: Mutter gebürtige Perserin und dann auch noch ich mit meinen griechischen Wurzeln und meiner kölschen Konditionierung. Auch wenn es Kollegen und Freunde bezweifeln: Sowohl meine Frau als auch ich können viel besseres Deutsch sprechen als unsere „Muttersprache“. Das zum Thema, wo ich herkomme… […]

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