Gastbeitrag: Wenn sich Vollzeitväter über Mütter unterhalten, von Arne Ulbricht

Väter… lasst die Mütter arbeiten und kümmert euch um die Kinder

Von Arne Ulbricht

Foto von Daniel Schmitt www.spitzlicht.de

Ich habe meine Frau in der Disko kennengelernt und wollte zugegebenermaßen nur Sex mit ihr. Dann habe ich mich aber in sie verliebt und sie sich praktischerweise auch in mich und nach und nach merkte ich, dass sie…

… ein deutlich besseres Abitur hatte.

… im Studium ständig Höchstnoten einkassierte (im Gegensatz zu mir).

… beruflich konkrete Vorstellungen hatte, während ich davon träumte Starschriftsteller zu werden und ständig Absagen von Verlagen bekam.

Bei uns wäre es geradezu idiotisch gewesen, hätten wir nicht schon vor dem ersten Kind ernsthaft über einen Rollentausch nachgedacht. Schließlich war es auch sie, die durchgehend 100 Prozent gearbeitet hat, während ich begann, mich frühzeitig werktags quasi alleinerziehend um die Kinder zu kümmern. Und ich fand es cool! Ich fand meine Frau cool, weil sie sich in der Männerwelt in einem Unternehmen durchkämpfte. Ich fand mich cool, weil ich im Jahr 2007 mit unserem zweiten Kind gleich 12 Monate in Elternzeit ging (anstatt die „zwei Vätermonate“ zu nehmen) und mich nicht scheute, mich in einem PEKIP-Kurs anzumelden. Dort war ich der einzige Mann. Schlimm? Nein. Die Mütter haben mich schnell akzeptiert und mir war es zu keinem Zeitpunkt peinlich, mich mit meinem Baby mit Müttern und ihren Babys zu treffen.

Meine Frau hat mit mir übrigens durchaus manch ein Problem. Aber dass Mütter mich ständig direkt aufs Handy anrufen, gehörte nie dazu. Ich habe in meinem Handy ein Dutzend Nummern von Müttern. Meine Frau nennt das mein „Mütternetzwerk“. Ich habe mit meiner Frau auch manch ein Problem. Aber dass sie erst abends von der Arbeit kommt und kaputt ist und dass sie in der Regel auch meine Rechnungen bezahlt, gehörte nie dazu. Ich hielt mich jedenfall nie für ein Weichei und sie nicht für entweiblicht.

Mich störten in meiner Hardcorevaterphase zwischen 2004 und 2017 (die Hardcorephase endet gerade, weil die Kinder fast alles allein machen) andere Dinge. Vor allem störte es mich, nie mit Männern reden zu können, die ebenfalls ihre Frauen arbeiten ließen und sich mit größter Selbstverständlichkeit um die Kinder kümmerten und sich im Notfall am Muttertag als einziger Vater in die Kita setzten, um sich von der Tochter bedienen zu lassen. (Meine Frau war auf Dienstreise.) Ach… wie gern hätte ich mich mit echten Vollzeitvätern über… Mütter unterhalten. Aber in all den Jahren waren zwei Mütter eben auch meine besten Freunde geworden, weil es die Vollzeitväter nicht gab.

Und mich störte, wenn ich gefragt worden bin: „Vermisst deine Frau denn die Kinder nicht?“ O Mann! Ist so eine bescheuerte Frage eigentlich jemals einem Vater, der arbeitet, gestellt worden? Oder setzt man voraus, dass ein Vater sein Kind eh nicht vermisst?

Und mich störte, dass meine Frau bei einer Bewerbung gefragt worden ist: Wie schaffen Sie das denn mit den Kindern? Mein Bruder, der sechs Kinder hat und Professor ist, hat sich eine solche Frage niemals stellen müssen. Warum eigentlich nicht? Ganz einfach: Man setzt voraus, dass die Mütter sich ja eh um die Kinder kümmern und nie auf die Idee kämen, trotz Kinder eine berufliche Karriere (was auch immer das im Einzelfall ist) anzustreben. Mütter… werden solche Fragen immer gestellt. Als gäbe es Väter, die einen Bezug zu ihren Kindern haben UND sich liebend gern um sie kümmern, nicht mal theoretisch.

Und mich störte, als meine Tochter auf meinem Arm schrie und sich eine Frau jenseits der sechzig zu uns umdrehte und meine Tochter (zu dem Zeitpunkt ein Jahr alt) fragte: „Na, fehlt dir deine Mutter?“ Als wenn all den brüllenden Kindern auf den Armen der Mütter der Vater fehlen würde.

Rollentausch ist super spannend. Und vor dem Hintergrund, dass viel mehr Mädchen Abitur ablegen als Jungs und dass inzwischen viel mehr Frauen als Männer Medizin und Jura studieren und damit wahrscheinlich oft mindestens genauso viel oder mehr verdienen könnten als die Männer, die die Väter ihrer Kinder werden, sollten viel mehr Paare einen Rollentausch wagen, der sich übrigens immer als Option anbietet, wenn man dadurch keine erheblichen finanziellen Nachteile hat. (Es gibt zum Beispiel Tausende Lehrerehepaare. Aber ich habe noch nie ein solches Paar kennengelernt, das sich für einen Rollentausch entschieden hat. Stets ist es die Frau gewesen, die deutlich länger in Elternzeit gegangen ist.)

Also… Väter und Mütter… wagt es! Macht es! Zieht es durch! Es ist ganz wunderbar! Denn man taucht ein in Welten, die einem sonst verborgen bleiben. Junge Mütter in Männerwelten, die im Büro abpumpen und abends und morgens das Stillen ganz besonders genießen… Junge Väter in Frauenwelten, die tagsüber ein Fläschchen mit aufgewärmter Muttermilch geben… Das Leben ist nicht besser. Aber interessanter. (Behaupte ich, auch wenn ich dafür Prügel beziehe.)

Und wenn sich dieses Modell irgendwann doch mal als vollkommen übliches Modell durchsetzt, dann stehen auf einer Party auch mal ein paar Mütter, die sich über ihre Männer ärgern, die zu Hause nicht aufgeräumt haben, und in der anderen Ecke stehen Männer und schimpfen über ihre Frauen, weil die immer so überarbeitet sind.

Das wäre doch was!


talent! Tage Berlin

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Arne Ulbricht, 45, Teilzeitlehrer und Schriftsteller, findet sich als Vater höchstens okay. Er liest zwar viel vor und ist immer da… aber er ist entsetzlich ungeduldig. In seinem jüngst erschienenen Buch schildert er auf witzig und selbstironische Weise das Leben eines Vollzeitvaters an der Seite einer Frau, die in leitender Funktion in einen Unternehmen tätig ist.

Informationen: www.arneulbricht.de 


Bücher von Arne:

   

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Weitere Gastbeiträge:

Das Leben eines Vaters mit einem pubertierendem Kind – von Puberdad
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Trotzphasen kann man nicht in Worte fassen. Außer es handelt sich um ein Gedicht.
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Babyvater

Babyvater

Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater von zwei Kindern (2011|2016). Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

3 Antworten

  1. Anonymous sagt:

    Schöner Artikel, schön, dass Du es genießt und gut, dass es solche Eltern gibt! Ich stelle mir die Frage, warum nicht 50/50, warum immer die Trennung Mutter-Vater, es geht um Eltern.

    Nur das Wort alleinerziehend passt für mich hier nicht hinein

  2. Prima geschrieben. Inhaltlich bin ich absolut dacore. Weiter so. Achso, ich habe es dann nicht in die Vollzeit geschafft. Aber die drei Elternzeiten, jeweils 12 Monate, haben mir gut gefallen.

  3. Fiete sagt:

    Schöner Appell! Wäre gut, wenn dadurch wenigstens ein paar Eltern – aber auch interessierte Nichteltern – ein wenig zum Nachdenken angeregt würden. Und wer weiß, vielleicht hilft es ja sogar bei der einen oder anderen Entscheidungsfindung etwas mit.

    Allerdings gibt es auch ein paar nicht ganz so „pflegeleichte“ Aspekte zu beachten. Hans Alef hat dazu schon vor rund fünf Jahren mal Arne Hoffmann ein Interview gegeben, das diese Punkte mal knochentrocken thematisiert:
    https://www.cuncti.net/geschlechterdebatte/26-hans-alef-qmir-wurde-vorgeworfen-ich-waere-kein-mann-sondern-ein-parasitq

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