Große emotionale Empörungsposts: So inszenierst du sie richtig auf Social Media

Sie begegnen einem immer öfter: Ausführlichst ausformulierte Postings auf Facebook und Instagram, in denen uns Eltern ganz tief mitnehmen in ihre innerste Gefühlswelt – authentisch, ohne Kalkül oder selbstgerechte Schauspielkunst. Die Autoren*innen dieser Posts demonstrieren mit aller Macht, wie wahrhaftig emotional, selbstreflektiert und modern sie durch ihr perfektes Leben schreiten. Sie können Gefühle zeigen – und das soll auch jeder wissen! Sie haben ihre Kinder verstanden; sie haben ihre Partner verstanden – ja, sie haben das Leben verstanden! Sie haben ein neues Format entwickelt, das letztlich so etwas ist wie „Post von Wagner“ für den intellektuell-aufgeklärten, moralisch überlegenen Mitbürger mit Geltungsdrang. Du möchtest auch viral gehen? Nichts leichter als das: Halte dich einfach an die folgenden Punkte und der perfekte Emotions-Post fließt dir nur so aus den Fingerkuppen!

Hier das Beispiel, der Beweis, dass es klappt

Emotionen mit Viralitäts-Garantie beschreibt man so

Hallo „direkte Ansprache“
Hier muss ein Feindbild aus dem täglichen Leben rein: Hallo strenge Bäckerei-Oma, augenrollender Bahnfahrer, etc.

Persönliche Herleitung und Framing der Situation
Wo bin ich? Was mache ich gerade? Wie geht es mir dabei? Am besten etwas wählen, was typisch für den Alltag der meisten Eltern ist.

Eine emotionale Emotions-Situation rauspicken, ohne auf das alles veränderte Ereignis einzugehen: Pipi-in-den-Augen-Potenzial, bitte.

Harter Einstieg in die Stresssituation
Etwas passiert, was keinem Elternteil gefällt. Egal ob AfDler oder Grünen-Wähler – jeder muss sich drin wieder finden können; siehe direkte Ansprache. Es muss zum Feindbild passen

Detaillierte Beschreibung des Vorgangs mit Minimum 150 Wörtern.

Dazu gehört:

  • Aussehen des „Übeltäters“
  • Körperhaltung des „Übeltäters“
  • Klamottenbeschreibung [Bitte leicht überzeichnen. Sucht euch eine öffentliche Hassperson raus. Dieter Bohlen beispielsweise
  • Ausschlachtung des Vorgangs. Bis ins kleinste Detail. WICHTIG: Es müssen Alltagsaktionen sein, die jeder kennt. Je alltäglicher das angebliche Missverhalten der Mitmenschen, um so größer ist das Empörungspotenzial.

Jetzt kommt euer Kind ins Spiel, eure schärfste Waffe
Was hat diese Tat mit eurem Kind angerichtet? Nutzt Adjektive, wie irritiert, verstört, ängstlich.

Beschreibt die Situation aus den Augen des Kindes.
Bedeutet: fabuliert euch zusammen was euer Kind eventuell denken könnte.

Beschreibt die Stresssituation aus Elternsicht
Legt viel Wert auf die Beschreibung des Umfelds und der nicht helfenden Personen, die drum rum stehen.

Hallo „Direkte Ansprache“ (jetzt aber wirklich)
Sagt dem Feindbild das, was ihr ihm immer schon sagen wolltet. Haut raus, jetzt kommt es drauf an. Was wir brauchen, ist ein Feuerwerk der Empörung und Entrüstung.

Letzter Appell zur Besserung
Zum Schluss macht ihr den Gandhi. Ihr zieht ein Fazit und bezieht alle Personen mit ein. In einem Hindurhythmus vereint ihr die Parteien unter einer friedfertigen Koexistenz, die keine zweite Meinung zulässt. Hier kommt der Grundkonsens, der kleinste gemeinsam Nenner.

Ziel: Ihr geht als bessere Menschen aus dieser Situation heraus.

Persönliche Verabschiedung mit Vornamen
Nähe, deine Leser wollen Nähe! Also gib sie ihnen!

Aufruf zum Teilen
Sei nicht schüchtern! Natürlich darf dein Text gerne geteilt werden – du bist doch nicht so.

Emotionales Bild
Echte Männer, die verständnisvoll in in die Kamera gucken – oder leicht daran vorbei. Die Integration von Kleinkindern erhöht die Sharability immens.

Fertig ist der virale Erfolg!

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Babyvater

Babyvater

Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater von zwei Kindern (2011|2016). Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

5 Antworten

  1. Avatar Steve sagt:

    Ich glaube solche Posts kommen immer dann, wenn man in der betreffenden Situation nicht das gemacht hat, was man gerne getan hätte und man sich so zu sagen die Absolution holt.
    Man konnte in der Situation nichts machen, möchte aber nicht ohnmächtig dastehen und seine moralische Überlegenheit demonstrieren. Kurz gesagt, gekniffen und sich jetzt rechtfertigen.

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Ich weiß nicht. Die Systematik dieser Post lässt doch stark auf Kalkül schließen. Hier geht es oft um Klicks, likes, comments. Ich kaufe das den meisten nicht ab. Da bekommt ja das Gefühl in Deutschland leben ausschließlich Asis, die Kinder hassen.

  2. Avatar Adrian sagt:

    Ich lachte herzlich.
    Man muss halt wissen, wie man die eigene Filterblase bei Laune hält. Denn das ist es, eine Filterblase. Je mehr Zustimmung zur Empörung, so härter wird die Schale dieser Blase. Wohin das in der Konsequenz jedoch führen kann, haben wir ja bei „#schnullergate“ gesehen. (https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/Kinder-unerwuenscht-Farbattacke-auf-Cafe,kinderfrei100.html)

    Was ich bei all dieser echten oder gespielten Empörung wirklich schwierig finde ist, wie dafür die eigenen Kinder instrumentalisiert werden. Für 5 Minuten viralen Fame werden Kinder in die Öffentlichkeit gezerrt.
    Das empört mich persönlich. Aber letztlich soll jede/r machen, wie er/sie es für richtig hält.

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