Lasst eure Kinder doch einfach mal in Ruhe…

Ein Gastbeitrag von Arne Ulbricht

Vor einigen Jahren geschah Folgendes: Ich rief den Tae-Kwon-Do-Trainer meines Sohnes an. Wie es sein könne, dass Jakob zur Prüfung zugelassen sei, nicht aber mein Sohn. Der trainiere schließlich häufiger als Jakob. Der Trainer schnauzte mich an: Er entscheide, nicht ich. Jakobs Mutter rief mich später an und sagte, ich solle gefälligst nicht hinter ihrem Rücken mit dem Trainer über ihren Sohn sprechen. Und mein Sohn? Der war zu dem Zeitpunkt zehn Jahre alt und stinksauer auf mich. Irgendwann war auch ich stinksauer auf mich. Denn ich hatte mich nicht nur wie ein Helikopter-, sondern wie ein Rasenmäher-Papa verhalten. Und das ärgerte mich, weil ich dieses Helikoptern und Rasenmähen schlicht und ergreifend falsch finde.

Lesetipp: Luna

Kurz zu den Begriffen: Helikopter-Eltern schweben ständig wie ein Helikopter über ihren Kindern, damit sie im Notfall schnell helfen können. Der Begriff Rasenmäher-Eltern ist vergleichsweise neu und eine Steigerung. Das sind die Eltern, die ihren Kindern mögliche Hindernisse rechtzeitig aus dem Weg räumen, damit sie nicht stolpern. Dass etwas mal nicht klappt oder man gar scheitert mit was und wo auch immer, das gehört nur leider zum Leben dazu. Das sind kleine und manchmal ziemlich große Schritte auf dem Weg zur Selbstständigkeit. Man begegnet diesen Eltern, die ihre (oft ziemlich großen) Kinder in Zuckerwatte aufwachsen lassen wollen, überall.




Von Eltern, die über Noten diskutieren

Nur ein Beispiel aus meinem Lehrerleben: Wie oft habe ich mit Eltern zu tun, die meine Notenvergabe nach oben korrigieren wollen und sich nicht entblöden, mir konkrete Vorschläge zu machen? „Herr Ulbricht, wäre es nicht möglich, dass mein Sohn noch ein Referat hält, damit er keine Fünf in Französisch bekommt?“ Solche Mail habe ich, kein Witz, schon mal bekommen. Der Schüler ging in den 13. Jahrgang. Auch kein Witz. Hä??? Dieser Junge war in Wahrheit ein junger Mann. Ein netter, aber unglaublich FAULER junger Mann, der diese Fünf nicht nur verdient, sondern der sie dringend NÖTIG hatte, um daraus zu lernen. Außerdem muss man damit umgehen können, dass es nicht für alles, was man im Leben anstellt, die Höchstnote gibt. Manchmal geht etwas schief, dann darf man nicht gleich umfallen oder Papi und Mami anrufen, sondern es muss weitergehen.

Beispiele aus meinem Vaterleben: Ich lebe in einer Stadt, in der eine Familie schon als alternativ gilt, wenn sie nur ein Auto besitzt. (Wir haben keins und gelten als vollkommen durchgeknallt.) Ich frage mich seit zehn Jahren – so lange lebe ich in Wuppertal: Merken die Wuppertaler Eltern nicht selbst, dass es gar nicht gut sein kann, wenn man seine Kinder direkt in Sportkleidung vor die Turnhalle (am liebsten in die Turnhalle) fährt? Warum tun sie das bloß? Damit sich die Kinder nicht in einer ekligen Umkleidekabine umziehen müssen? Damit sie dort nicht von großen Jungs verprügelt werden? Oder anders gefragt: Ist es nicht durchaus sinnvoll, dass ein Kind lernt, wie es sich in einer Umkleidekabine verhält? Und dass man selbst aufpassen muss, um nichts zu vergessen? Und dass man das Handy lieber wegschließen sollte?

Wollen Kinder diesen Elternservice?

Und diese ständige Fahrerei zur Schule (Stichwort Elterntaxis). Warum lassen die Eltern die Kinder nicht zu Fuß gehen oder ab einem gewissen Alter mit dem Fahrrad fahren? So lernen die Kinder ihren Schulweg kennen. So bewegen sie sich und haben nicht das Gefühl, es im Klassenraum nachholen zu müssen. Ach, ich vergaß: Sie könnten sich verlaufen und dann zu spät kommen. Und mit dem Bus oder der U-Bahn sollen sie erst recht nicht fahren. Da ist es ja immer so voll, und die Luft ist nicht gut. Mit Verlaub: Kinder sollten sich ab einem gewissen Alter nicht nur orientieren können, sie müssen es. Spätestens als Student werden sie ausgelacht, wenn sie sich von Mami und Papi fahren lassen. Ach, sorry, dann hat die Generation Fridays-for-future ja eh ein eigenes Auto und fährt dahin, wo das Navi sie hinleitet.

Inzwischen ist es so, dass Kinder diesen Elternservice auch erwarten. Familien-WhatsApp-Gruppen sind längst eine Selbstverständlichkeit. Ich kann das alles nicht begreifen… Kinder müssen doch den Wunsch haben, nicht ständig von ihren Eltern beobachtet (oder überwacht?) zu werden. Sie müssen doch den Wunsch haben, auf Bäume zu klettern. Sie müssen doch den Wunsch haben, hin und wieder frei und unabhängig zu sein. Sie müssten doch zu ihren Eltern sagen: „Du, Papa, ich fahre allein… im Bus treffe ich auch meine Freude.“ Oder: „Du, Mama, bitte schreib mir nicht mehr ständig. Das ist peinlich. Ich melde mich, wenn ich mal ein echtes Problem habe.“

War früher alles besser?

Wie alt bin ich eigentlich? Genau, 47, Jahrgang 1972. War früher denn wirklich alles besser? Nee, wirklich nicht. Aber dass wir schon mit zehn Jahren zu unseren Eltern gesagt haben, dass wir abends zurückkommen und dann im Herbst in den Wald oder an den Strand gingen (ich bin in Kiel aufgewachsen), um dort unbeobachtet und allein zu spielen oder einfach allein zu sein, das war besser. Und dass wir in dem Alter mit dem Bus aus dem Vorort in die Stadt gefahren sind, um ins Kino zu gehen – ohne Eltern -, das fanden wir cool. Oder fanden wir es gar nicht cool, sondern normal?

In meinem Kinderbuch Luna, ein Fliegenpilz im Erdbeerkleid (Affiliate-Link), entscheidet Luna oft selbst. Ihrem Freund Fabian schlägt sie vor, im strömenden Regen in den Garten zu gehen und barfuß über den Rasen zu laufen. Fabian sagt: „Sollen wir nicht lieber deine Eltern fragen?“ Darauf antwortet Luna: „Nein, lieber nicht. Vielleicht verbieten sie es uns dann.“ Ich frage mich manchmal, warum es so viel Spaß gebracht hat, dieses Buch zu schreiben. Und dann denke ich, dass ich wahrscheinlich von einem Mädchen erzählen wollte, das tut und lässt, was es für richtig hält. Und insgeheim wünschte ich mir mehr solcher Mädchen. (Und natürlich auch Jungs, aber das Vorbild für Luna war nun mal meine Tochter.)


Autor Arne Ulbricht

Arne Ulbricht ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Lehrer für Französisch und Geschichte in Teilzeit. Er schreibt schon seit mehr als 20 Jahren und hat nach diversen Büchern für Erwachsene dieses Jahr sein erstes Kinderbuch veröffentlicht. Lest hier unsere Rezension zu Luna, ein Fliegenpilz im Erdbeerkleid.

Lempi

Lempi

Der Autor Thomas "Lempi" Lemken ist Papa von zwei Töchtern. Das bedeutet: Als einziger von uns lebt er mit gleich drei Frauen unter einem Dach. Neben seiner Funktion als Leithammel, ist er Gründungsmitglied, Stammautor und Lektor unseres Blogs.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

%d Bloggern gefällt das: