Warum mein Kann-Kind nicht zur Schule muss

Geboren am 1. Oktober. In NRW bedeutet das, dass meine Tochter (5 Jahre) ein Kann-Kind ist. Sie muss also nicht zur Schule – sie kann. In NRW beginnt die Schulpflicht für Kinder, wenn sie bis zum 30. September das sechste Lebensjahr vollendet haben. Eine selten dämliche und durchnormierte Bürokratenregelung. Warum ich im Nachhinein über die 55 Stunden Wehen meiner Frau glücklich bin, will ich euch hier erklären. Eins schon mal vorab: Eine Sache würde ich lieber täglich auf morgen verschieben: die Schule!

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Nicht nur das Ende einer Ära

Eins muss ich klarstellen: Ich finde es grandios, dass mein Kind älter wird. Ich bin kein Typ, der die Zeit stehen lassen will, weil das Baby doch sooo süß ist. Von mir aus können Kinder bereits mit drei Jahren zur Welt kommen. Insofern bin ich auch immer gespannt auf neue Herausforderungen. Die Schule gehört definitiv dazu. Aber wann merkt man, dass das Kind soweit ist? Mama Mia hat es gut beschrieben: „Viel entscheidender [Entscheidung für oder gegen Einschulung, Anm. Babyvater] ist für mich die sozial-emotionale Seite. Wenn an dieser Stelle keine „Schulreife“ besteht, gibt es auch schnell Probleme auf der intellektuellen Ebene, und damit ist sie in meinen Augen entscheidend.“

Ich würde gerne noch eine Entscheidungs-Ebene hinzufügen. Es geht nämlich nicht nur um das Kind, es geht auch um die Institution Schule als Ganzes. Genauer gesagt: Es geht um mein fehlendes Vertrauen in unser Bildungssystem.

Bildung ist das, was übrig bleibt, wenn wir vergessen, was wir gelernt haben

So definierte der britische Politiker Edward Frederik Wood bereits im 20 Jh. Bildung und ich finde es passt auch heute ganz gut ins Bild. Als ich anfing, zum Thema Schule zu recherchieren, wurde mir erst bewusst, dass unsere Bildungsinstanzen ein schlechteres Image genießen als Donald Trump und Hedge Fonds-Manager zusammen. Schulbashing ist en vogue. Eigentlich hatte ich keine Lust, auch noch mit einem Lineal draufzuhauen, aber es ist meine Pflicht als bildungsnaher Schullegastheniker, der diese Institution Zeit seines Lebens als Furunkel betrachtet. Aus Gründen:

Im zarten Alter von sieben Jahren kam ich aus Griechenland nach Deutschland. Zu diesem Zeitpunkt war ich es noch gewohnt, Schläge von meiner Klassenlehrerin zu kassieren, wenn ich mal wieder nicht zuhörte. Das war bis 1986 in Griechenland so. In Deutschland angekommen durchlief ich – bis auf die Hauptschule – alle Schulformen, die NRW so hergab. Von der Real- über die Gesamtschule bis zum Gymnasium. Die schlimmste Zeit war das Gymnasium. Ich gehörte zu einer dunklen Minderheit eines elitär angehauchten humanistischen Gymnasiums im altreichen Kölner Süden. Ich war so mit meiner Integration beschäftigt, dass ich Lernen komplett über Bord schmiss. Echte Freunde waren rar. Entweder lag es an meinem stark pigmentierten Teint oder an meinen 15 Kilo Übergewicht. Man weiß es nicht. Mein Alltag war geprägt von Mobbing, Außenseiterdasein und Bulimie-Lernen – Wissen kurzfristig in sich reinstopfen, um es umgehend nach der Prüfung auszuspucken und zu vergessen.

Irgendwann verstand ich das Prinzip Schule und lernte stupide alles auswendig. So wurde ich ab der 9. Klasse zum guten Schüler, der Sonntagabends der unglücklichste Mensch der Welt war. So wie viele andere. Vielleicht auch du.

Bildungspolitik: Wenn das Mittelmaß regiert

Schaut man sich Schulen heute an, sind sie immer noch aufgebaut wie Fabriken zu Beginn der industriellen Revolution: Kinder kommen gleichaltrig rein, kriegen das Gleiche normierte Wissen auf die gleiche Weise eingetrichtert, um später wie auf dem Fließband sortiert und aussortiert zu werden. Sicherlich hat sich einiges geändert. Vor allem in den 60ern. Hiebe mit dem Lineal, wie ich in Griechenland der 80er, muss man glücklicherweise nicht mehr befürchten. Das sind jedoch alles Änderungen äußerlicher Natur. Im Kern ist unser System nach wie vor auf Mittelmaß und Effizienz ausgerichtet und hat sich in den letzten 150 Jahren nicht großartig verändert. Der Autor und Philosoph Richard David Precht geht sogar so weit, Schulen mit dem Kommunismus gleichzusetzen, weil sie alles gleich machen würden, ohne auf individuelle Stärken und Schwächen der Kinder einzugehen.

Unser Bildungssystem ist wie unser Land: alt.

Was wir heute als wichtig bewerten, sind nicht immer die Dinge, die morgen gefragt sind. Das was wir heute machen, sei ausbilden, nicht bilden. Hört sich schlimm an, oder? Ging es in der Geschichte der Schulpolitik vielleicht nie wirklich um Bildung?

Lehrer sind nicht das Problem, sie baden es nur aus

Das hier ist ausdrücklich kein Lehrerbashing. Was im Bildungssytem passiert, ist eine Katastrophe. Das wissen Lehrer nur zu genau. Die Frage ist nicht, ob wir uns das leisten können, sondern wie lange noch. Dazu passt auch, dass ich nicht verstehen kann, warum ausschließlich Lehrer lehren dürfen und nicht im großen Stil auch fachkundige Experten. Warum wird so strikt nach Fächern getrennt, warum lernen Kinder keine Programmiersprache? Wollte man früher die Welt verändern, wurde man Politiker, heute wird man Softwareentwickler. Gemeinsam mit Nico Lumma plädierten wir bereits für das Schulfach Digitalkunde. Warum geht man diese Herausforderungen nicht an? Projekte wie Calliope mini von Stephan Noller ist ein erster wichtiger Schritt. Mit dem Kleinstcomputer auf einer Platine, können alle Kinder in Deutschland schon in der Grundschule Grundlagen des Programmierens lernen.

Wie geht es weiter?

Schule im Aufbruch, Kongresse zur Bildung 4.0 – das Thema ist bereits seit langem als solches erkannt worden. Vieles passiert und entwickelt sich zur Zeit. Das macht mir Mut, optimistisch in die Zukunft zu blicken. Es herrscht ein Grund-Konsens, neue Wege zu gehen. Leider sind diese Wege so unterschiedlich, dass man keine Linie erkennen kann. Es gibt den Konsens zur Veränderung aber einen Dissens über den Weg. Diese Insellösungen, gefördert durch eine föderal angelegte Bildungspolitik, machen eine strukturelle Reform unmöglich.

Die Frage ist nur, wer das alles „ausbaden“ soll. Allein die Lehrer können das nicht. Da sind auch wir Eltern, Gesellschaft, Wirtschaft und vor allem Politik gefragt. Und vor allem Kohle. Ich wünsche mir eine Agenda 2030, ein Ziel worauf wir alle hinwirken werden. Aber mit Bildung gewinnt man ja keine Wahlkämpfe.

Ich bin einfach nur froh, dass meine Kleine nicht jetzt schon zur Schule muss. Vielleicht sind wir in zwei Jahren schon weiter. Hoffentlich gibt es bei uns in der Gegend eine Schule in Aufbruch, die ohne Benotungen auskommt und individuelle Stärken von Kindern fördert. Egal, was kommt: Babytochter wird zu den Älteren ihres Jahrganges zählen und so wird hoffentlich der Mobbing- und Ausgrenzungskelch an ihr vorbeiziehen. Ein Problem weniger. Ob das aber reicht?


Interessante Links zu diesem Thema:

Richard David Precht im Gespräch mit Hirnforscher Gerald Hüther


Schule im Aufbruch – ein Interview mit Gerald Hüther

 

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Babyvater

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Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater einer Tochter. Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

6 Antworten

  1. Claudia sagt:

    Wir haben auch ein Kann-Kind. Waren kurz vor der Einschulung und haben uns dann doch dagegen entschieden. All ihre Freundinnen kamen in die Schule. „Ein Jahr länger Kind sein lassen“. Aber das meint aus meiner Sicht, mit Gleichaltrigen spielen zu dürfen. Doch leider ist der Kindergarten unfähig sie nun ausreichend zu beschäftigen. Ein Mädchen in ihrer Gruppe, die sie gerne mag ist gerade 5 geworden, die andere ist noch 4. Einem Gruppenwechsel hat die Kiga-Leitung nicht zugestimmt. Jetzt haben wir das Problem, dass sie verhaltenstechnisch nen riesen Rückschritt gemacht hat 🙁

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Da stimme ich dir voll zu. Wenn sich die Kids in der Kita langweilen, dann muss man handeln. Diese Unterforderung ist echt ein Problem. Bei uns ist das nicht so. Ihre beste Freundin wird auch erst nächstes Jahr eingeschult. Zahlen und Buchstaben flashen sie bisher auch nicht so. Bei uns ist es so optimal. Für beide Seiten. Ich wünsche euch viel Erfolg. Das wird schon!

  2. Kathrin sagt:

    Wir haben eine Muss-in-die-Schule-Kind weil am 26.09.2011 geboren und NRW duldet keine freiwillige Rückstellung. Er ist also der Jüngste und im Moment noch der Kleinste. Schulisch mache ich mir momentan keine Sorgen, aber halt noch beim Sozialverhalten. Er ist zurückhaltender, kann sich noch nicht durchsetzen, kriegt öfter mal „einen drüber“. Ein bißchen Angst macht es mir schon. Vorteil: Dorfschule mit 16 Kinden.
    LG

  3. Der Garten-Papa sagt:

    Hallo Babyvater,

    vielen Dank für Deinen kleinen Artikel über „Schule“. Ich selbst konfrontiere mich freiwillig täglich mit Schule, dem System und Lehrern. Und es gibt super viel zu bemängeln, super viele Möglichkeiten es zu verbessern und super viele, die es tun.
    Zwei, die es nicht tun, sind Herr Precht und Herr Hüther, die nicht nachweisen konnten, dass sie es besser machen. Die Sitzen in ihrem Elfenbeinturm und predigen. Das könnte ich auch! Aber über Dinge, die ich nur aus der Entfernung kenne und wenig eigene Erfahrung habe, schweige ich. Das hat meine Mama mir so beigebracht.
    Leider meinen viele, dass sie sich über Schule äußern dürfen, weil sie auch mal eine besucht haben. Jeder Mediziner wehrt sich aber gegen eine Einmischung mit medizinischen Diagnosen von Menschen, die mal beim Arzt waren. Schulen machen das leider zu wenig, auch weil die das Ansehen von Schule seit Anfang der 80er Jahren leider immer weiter demontiert wurde.
    Ich möchte Dir empfehlen, sich an den Schulen umzuschauen, die zuletzt Schulpreise für ihre engagierte, innovative und soziale Arbeit bekommen haben. Die, könnten sicher etwas konstruktives beitragen.

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Ich sehe und lese, dass du tief in der Thematik steckst. Vielleicht gehört es aber auch dazu, sich selbst und vor allem das große Ganze zu hinterfragen. Das tue ich. Täglich. Es ist eine Machbarkeitstheorie, über die Schwierigkeit der Realisierung kannst du dir wohl besser ein Bild machen. Ich beobachte nur und hinterfrage vieles. Das mache ich übrigens auch immer, was meinen eigenen Beruf anbetrifft. Bald folgt ein zweiter Artikel zum Thema „Bildung“. Ob ich dann einen Nerv treffen werde, steht in den Sternen. Auf jeden Fall stehe ich immer für ein Gespräch zur Verfügung. Ich möchte mehr zu diesem Thema erfahren. Da bin ich lernfähig.

  1. 3. Februar 2017

    […] Mein Text, warum ich mein Kann-Kind nicht in die Schule schicken werde, hat einiges freigesetzt. Auf Facebook hat sich eine Lawine von Kommentaren entladen. Die meisten Stimmen stehen der Institution Schule sehr kritisch gegenüber. Ich hätte nicht gedacht, dass so viele Eltern ein negatives Bild von Schule haben. Viele sehen in unserem Bildungssystem das Ende der Kindheit und die Eintrittskarte in die Leistungsgesellschaft. Aber stimmt das?  […]

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