Warum wir das Pflichtfach „Digitalkunde“ brauchen

nico-lumma-digitalkunde-programmieren-schule-pflichtfach„Programmieren muss als Unterrichtsfach etabliert werden, und wir müssen dafür Sorge tragen, dass bereits im Vorfeld langfristige begleitende Ausbildungsprogramme und Unterstützungssysteme entstehen.“ 

Diese Forderung wurde von Vertretern der Firmen Microsoft, Facebook und SAP in einem offenen Brief an die EU-Bildungsminister gestellt. Doch was steckt dahinter?

Wenn man früher die Welt verändern wollte, wurde man Aktivist, ging in die Politik und hörte U2, heute wird man Softwareentwickler und schaut Big Bang Theorie. Keine Frage, die Digitalisierung unserer Arbeitsprozesse und Alltagsgewohnheiten ist allumfassend. Kindergarten-Chats, Familienkalender, Musik On Demand und Einkäufe – es gibt kaum einen Teil unseres Lebens, der nicht mehr oder weniger mit Software in Verbindung steht.

Aber nicht nur für uns Erwachsene. Auch für Kinder ist das Internet Alltag. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Vertrauen und Sicherheit im Internet (DIVSI) sind gut die Hälfte der Achtjährigen (55 Prozent) in Deutschland online, 37 Prozent sogar mehrfach in der Woche oder täglich. Auch bei den Sechsjährigen ist bereits fast ein Drittel (28 Prozent) zum Teil regelmäßig im Netz unterwegs. Früher haben wir unser Spielzeug auseinandergenommen und erforscht, was dahinter steckt. Aber wie dechiffrieren wir den Code, mit dem wir täglich unser Leben organisieren? Und müssen wir das überhaupt? Wenn es nach dem Psychologen, Buchautor und Hochschullehrer Manfred Spitzer gehen würde, müssten wir umgehend mit dem Teufelszeug aufhören. In seinem Bestseller „Digitale Demenz“ poltert er, dass Computer und Smartphones Kinder dumm machen. Diese Kritik greift aber völlig ins Leere. Es geht nicht darum, ob wir Cyberkrank werden. Es geht darum digitale Kompetenz aufzubauen.

nico-lumma-schule-pflichtfach-programmieren-schule

Wer ihn nicht kennt: Das ist Nico.

Wir haben mit Nico Lumma, COO des Next Media Accelerators in Hamburg, Blogger und stolzer Vater von vier Kindern gesprochen. Er hat eine klare Meinung zu diesem Thema und plädiert für Programmieren als zweite Fremdsprache.

„Ich möchte das am Beispiel Latein erklären. Als ich Latein in der Schule hatte, habe ich nicht nur Vokabeln gelernt und fröhlich vor mich hinkonjugiert, sondern viel gelernt über das alte Rom und das Entstehen von Gesellschaften. Wenn man eine Programmiersprache erlernt, dann lernt man, wie in Zukunft Dinge funktionieren werden, wie Daten zusammenhängen, was im Hintergrund passiert, wenn man Software einsetzt. Denn Software wird immer mehr zum Kitt, der unsere Gesellschaft und unsere Arbeitswelt zusammenhält. Da empfiehlt es sich, ein gewisses Grundverständnis zu erlernen.“ Ob „Programmieren“ das richtige Naming ist, bezweifelt er stark:  „Ich finde den Begriff sehr sperrig – es erinnert eher an EDV und wirkt anstrengend – daher plädiere ich für ein Schulfach Digitalkunde, das sich dem Thema spielerischer und zeitgemäßer nähert.“

Wenn man ehrlich ist, welcher Software-Ingenieur wird die Schulbank drücken, wenn er auf dem freien Markt das Vielfache verdienen kann? Ergo, die Lehrer müssen ran. Aber meine Lehrer hatten an Informatik oder Programmiersprachen überhaupt kein Interesse.

„Die Ausbildung der Pädagogen hat zu wenig Fokus auf digitale Werkzeuge im Bereich Didaktik, genauso wie viele Lehrerinnen und Lehrer lieber auf das zurückgreifen, was sie kennen“, kritisiert Nico. „Dann fällt es schwer, Interesse bei Jugendlichen zu wecken, wenn man sich selber nicht auskennt.“

Manchmal habe ich das Gefühl, dass Coder die Halbgötter in Hoodies sind. Jeder bewundert ihre Kenntnisse und blickt auf sie hinauf. Das findet Nico völlig übertrieben, denn „wer sich länger mit dem Thema beschäftigt, der versteht, wie interdisziplinär Programmieren letztendlich ist, denn es müssen die unterschiedlichsten Gewerke zusammenspielen, damit etwas entsteht. Programmieren ist schon lange nichts mehr für das stille Kämmerlein, sondern etwas, was vor allem im Zusammenspiel mit anderen Menschen funktioniert.“

Wie baut man ein Programm? Wie schafft man eine Logik? Kurz gesagt: Was ist unser digitaler Fußabdruck? Wir müssen unseren Kindern einen Bauplan unseres digitalen Ichs an die Hand geben. Und das möglichst frühzeitig, weil sie ja auch denkbar früh mit Software in Verbindung kommen.

Ich kann nicht programmieren. Ich verstehe zwar Zusammenhänge und was möglich ist, aber selber coden – FORGET IT! So geht es doch vielen von uns. Wir wissen nicht, wie die Welt um uns herum aufgebaut ist, was die Kausalitäten sind und was alles zusammenhält. Aber wie schließen wir diese Wissenslücke? Holen wir Unternehmen in die Schulen, warten wir darauf, dass das föderale Bildungssystem Dynamik aufnimmt, oder muss sich jeder selbst engagieren?

Hört man sich die Debatten in Elternabenden an, so bekommt man schnell den Eindruck, dass alles Digitale böse und verteufelt wird. Viele Eltern wollen das nicht und haben Angst vor dieser Entwicklung. Nicht nur die Kultusministerien, nicht nur die Schulen, auch nicht nur die Lehrer, vor allem wir Eltern lehnen die Integration digitaler Errungenschaften ab. Als Grund werden immer wieder die Smartphones hervorgekramt. Spitzer lässt grüßen. Dabei haben wir Eltern eine besondere Verantwortung, wenn es um die digitale Erziehung unserer Kinder geht. „Die Eltern müssen Druck auf die Schulen und die Bildungsträger ausüben, damit etwas passiert. Die Bildungspolitik ist föderal organisiert, wodurch der Stillstand manifestiert wird, da kaum Geld vorhanden ist und die Bundesregierung nicht durch Maßnahmen in die Hoheit der Länder eingreifen darf.“

Es ist schon grotesk. Gerade ein Land wie Deutschland, was über seine Grenzen hinaus als sehr diszipliniert und überorganisiert gilt, versagt gerade auf diesem Gebiet. Jedes Bundesland, nein jede Schule macht ihr eigenes Ding. Es gibt keine Richtlinien, keinen Leitfaden und keine Vision – und noch wichtiger – keine Kohle, um dieses wichtige Projekt nach vorne zu bringen. Denn „die mangelnde Relevanz des Digitalen für die Bildung hat auch was mit Budgets zu tun – es muss mehr Geld fließen, damit etwas passiert“, stellt Nico heraus und wir können nur noch zustimmen.

Vielen Dank für deine Aussagen Nico!

 

Related posts:

Babyvater

Babyvater

Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater einer Tochter. Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

6 Antworten

  1. Hanna sagt:

    Also ich bin Programmiererin und bin sogar dagegen, dass Programmieren als zweite Fremdsprache etabliert wird. Klar ist der EDV Unterricht in Schulen ehrlich gesagt ein Witz. Denn heute werden immer noch „Erstellen von Präsentationen“ gelernt, ohne, dass die Lehrkräfte (entschuldige das generelle zusammenfassen…) oftmals selbst kaum Ahnung von den wirklichen Kniffen hat. Genauso verhält es sich meiner Meinung nach auch mit den anderen Office-Programmen.

    Wenn man dann an den Beruflichen Schulen die Informatik Grundkurs mal anschaut, wo ansatzweise mal Programmieren gelehrt wird, dann ist es schrecklich mit anzusehen. Heute noch werden Websiten programmiert. Dabei seien wir mal ehrlich: Wer codiert sie heute denn noch selbst mit HTML und CSS. Ansätze machen ja schon manche Lehrer und unterrichten Java. Schön und gut. Da gibt es aber auch so viele Programmierspiele, die das ganze lockerer vermitteln. Außerdem sind manche Menschen einfach nicht für das Programmieren gedacht. Also das eigentliche Programmieren. Aber Programmieren hat so viel mehr zu bedeuten, als stumpf irgendwelchen Code niderzutippen. Denn die Vorarbeit darf man nicht unterschätzen. Und das wird nicht unterrichtet. Erst im Studium… Und ja, dann ist es zu spät…

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Gerade weil es so viel mehr ist, könnten Kinder davon profitieren. Und Recht hast du mit deinen Personalbedenken. Das kann man kaum kompensieren. Aber irgendwann muss man damit anfangen.

  2. dani sagt:

    Ich bin fast 36. In meiner Schule (keine Privatschule) gab es damals bereits die Möglichkeit zwischen Informatik und Tippen/Steno zu wählen. Ich habe mich für Tippen entschieden, weil ich die angebotenen Programmiersprachen bescheuert fand (ich finde auch, programmieren ist jetzt nicht unbedingt supersauspannend…auch heute nicht).

    Nach der Schule bin ich dann Informatiker geworden, Fachinformatiker. Ich war im ersten Jahrgang, die Ausbildung ganz neu. Allerdings habe ich nicht groß programmiert (einen Einstieg in Assembler musste ich durchstehen – gott, das war so fad), ich habe gelernt, Netzwerke aufzubauen, Rechner auseinander zu nehmen und große Rechnerlandschaften zu administrieren. Und das ganz ohne vorherige Unterrichtsstunden in der Schule.

    Ich hatte Glück, denn ich war an der TU München und hatte lauter schlaue Professoren um mich, die für jeden Schabernack zu haben waren – denn das große Problem offenbarte sich dann schon an der Berufsschule: Die Lehrer hatten keinen Plan. Sie wussten nix über Datenbanken (den Unterricht hat dann der Azubi von Oracle übernommen), sie wussten nix über Linux (das habe ich übernommen…), sie wussten eigentlich GAR NIX, die einzelnen Azubis haben diverse Stunden übernommen.

    Ich finde, digitales Wissen ist wichtig, gerade für unsere Kinder, aber ich halte Schulen und Lehrer für diesen Bereich für absolut ungeeignet und überfordert (noch) – in der Grundschule meiner Tochter standen alte Rechner rum, es gab eine 400 Euro Kraft, damit die Kinder einmal die Woche „was mit Rechnern“ machen konnten, aber die Grundschullehrerin konnte nicht erzählen, WAS sie da eigentlich gemacht haben….

    Und dann sind da ja auch noch die Eltern, Uli hat bereits das Paradebeispiel Anke genannt. Und damit ist er leider nicht allein.

    Und zu guter Letzt ist da noch der volle Stundenplan eines 9. Klässlers auf dem Gymnasium, der inzwischen fast jeden Tag erst gegen 15 Uhr nach Hause kommt. Da fehlen dann noch Hausaufgaben und so weiter. Hieße also: Entweder hat er noch länger Schule oder es wird halt wieder eines der „unwichtigeren“ Fächer abgezwackt, im Zweifel Sport…halte ich für absolut beschissen, wo wir sowieso alle immer fetter werden und uns viel zu wenig bewegen (sorry..)

    Nix für ungut, aber ich fordere ja auch nicht, dass in der Schule grundsätzliches übers Autobauen vermittelt wird, denn dafür gibt’s ja Fachleute, die haben das Mechaniker-Dasein ja auch nicht in der Schule gelernt. Und programmieren ist jetzt nicht für jeden was.

    • Babyvater Babyvater sagt:

      Liebe Dani, ich sehe es ähnlich pessimistisch, denke aber, dass wir das Thema früher oder später angehen müssen. Vielleicht müssen wir andere Wege gehen und mit der Wirtschaft kooperieren.

      Wusste gar nicht, dass du auch sowas kannst. Thumps up!

  3. Uli sagt:

    So ein Schulfach würde ich mir auch wünschen, ich glaube Informatik oder „Digitalkunde“ wird für die heranwachsende Generation ähnlich wichtig werden wie Englisch. Etwas fast schon unverzichtbares, in dem jeder zumindest ein Basiswissen haben sollte.

    Was die Praxis angeht bin ich aber sehr pessimistisch, wenn man sich mal beispielsweise den unglaublich schleppenden Ausbau von Breitbandinternet in Deutschland ansieht. Oder allein die Tatsache das Schüler heute noch Latein lernen und die schon erwähnten Eltern die Technik für Teufelszeug halten:
    http://mom.brigitte.de/mitfuehlen/anke-engelke-1198611/2.html

    Übrigens gab es „Digitalkunde“ schon vor >15 Jahren als ich in der Schule war. Wir haben damals Zehnfingerschreiben gelernt (unschätzbar wertvoll), QBasic programmiert und Microsoft Office gelernt. Das war aber nur möglich, weil ich eine Privatschule besucht habe und genau das sehe ich auch für die Zukunft. Kinder engagierter/wohlhabender Eltern werden gefördert, der Rest muss sehen wo er bleibt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.