„Ab jetzt müsst ihr aber putzen!“ Wie es sich anfühlt, wenn plötzlich eine ganze Familie im Homeoffice ist

Ein Gastbeitrag von Arne Ulbricht

Nun ist es (es = Corona = Covid 19) doch viel ernster, als viele von uns noch vor Kurzem gedacht hätten! Zu den vielen gehörte auch ich. Ich war eigentlich nur stinksauer, weil die Leipziger Buchmesse zu einem Zeitpunkt abgesagt worden ist, als es in ganz Deutschland gerade mal tausend Infizierte gab, die alle noch lebten. Schließlich hätte ich auf der Messe zwei Veranstaltungen gehabt, und nichts liebe ich derart, wie Kindern aus meinem Buch Luna, ein Fliegenpilz im Erdbeerkleid vorzulesen (Anm. der Blogredaktion: Hier lest ihr unsere Rezension zu unserem Lieblingsbuch von Arne).

Jetzt erreichten mich innerhalb von zwei Tagen Absagen für Veranstaltungen in Lille, Nizza und Paris, wo ich die Übersetzung meines Romans über Guy de Maupassant vorgestellt hätte. Auf diese Veranstaltungen habe ich mich ebenfalls riesig gefreut, und seit Wochen bereite ich mich darauf vor. Statt stinksauer zu sein, habe ich in diesem Fall mit großer Gelassenheit meine Zugtickets storniert.

Denn längst habe ich begriffen: Es geht nicht um mich, sondern um alle. Und praktisch jeden trifft es härter als einen Lehrer, der, egal was passieren wird, seinen Job nicht verliert und bequem von zu Hause aus arbeiten kann. Und meine Bücher schreibe ich seit eh und je in meinem Arbeitszimmer.

Wenn aus dem Wohnzimmer ein Arbeitszimmer wird

Wie für Tausende anderer Familien auch wird sich jetzt allerdings massiv unser Alltag ändern. Denn plötzlich sind wir alle im Homeoffice. Und das quasi den ganzen Tag lang, weil meine Kinder (12 und 16) nicht mehr zur Musikschule und wahrscheinlich auch nicht zum Sport gehen werden, und meine Frau, die gar nicht weiß, wie es werktags bei uns zu Hause tagsüber so ist (Arbeitszeiten 8.00-18:00 Uhr, und das jeden Tag), wird im Wohnzimmer sitzen – das Wohnzimmer ist ab sofort ihr Arbeitszimmer.

„Ihr müsst ab jetzt aber aufräumen!“, hat sie schon angedroht.

Und das ist ein Problem, denn das tun wir meistens erst um kurz vor sechs, wenn damit zu rechnen ist, dass sie demnächst zurückkommen könnte. Damit bei uns nicht das Chaos ausbricht, haben wir uns auf Regeln geeinigt, an die wir uns alle versuchen werden zu halten und die einem Familien-Koller vorbeugen sollen.

Regeln gegen den Familien-Koller

  • Die Kinder stehen jeden Tag um halb neun und nicht um halb zwölf auf und gucken, ob die Lehrer für sie Aufgaben bereitgestellt haben, die erledigt werden – die Tage werden eine gewisse Struktur behalten.
  • Egal, wie wenige Aufgaben gestellt werden: Es wird von montags bis freitags etwas für die Schule getan. Und basta!
  • Vor allem unser Sohn sitzt NICHT den ganzen Tag vor dem PC und spielt League of Legends oder guckt ein YouTube-Video nach dem anderen. Er soll gefälligst auch mal ein Buch lesen.
  • Meine Tochter achtet ebenfalls darauf, nicht zu viel Videos zu schauen, sondern auch jeden Tag zu nähen und zu lesen. (Ist bei ihr aber eigentlich kein Problem.)
  • So lange wir nicht in häuslicher Quarantäne sind: Jeden Tag einmal raus, bestenfalls aufs Fahrrad, um sich zu bewegen. (Ist auch gut fürs Abwehrsystem, das eventuell noch beansprucht wird.)
  • UND: Natürlich dürfen sich die Kinder weiterhin verabreden. Dass andere Kinder es nicht dürfen, wird respektiert. Alles ist ja für alle neu. Einige sind ängstlicher als andere, und das ist auch in Ordnung so.
  • Die Kinder kümmern sich ums Mittagessen und gehen einkaufen. (Ich werde jeden Tag dabei helfen und mich wie gehabt um Wäsche usw. kümmern.)
  • Die Nerven meiner Frau bzw. der Mutter werden geschont: Wir – die Kinder und ich – lassen keine Kleidung im Bad liegen und versuchen, den Flur barrierefrei zu halten. (Dort stehen immer Schuhe und Rucksäcke rum.) Auch unsere Jacken hängen wir über die dafür vorgesehenen Haken und nicht über den nächstbesten Stuhl.
  • Es gibt darüber hinaus einen Putz- und Gartenplan, an dem sich jeder beteiligt.
  • Und Familienzeit, die gibt es auch, und Familienzeit bedeutet nicht: Wir gucken mit unserer Tochter in Zukunft drei bis vier anstatt höchstens zwei Folgen Emergency Room und mit unserem Sohn nicht zwei bis drei Folgen, sondern weiterhin eine Folge Homeland! Sondern Familienzeit bedeutet: Canasta wird unser Corona-Spiel! Es wird eine Liste geben, in der wir penibel festhalten, wie viele Runden wir in den kommenden Wochen spielen, und vielleicht hat sogar jemand Lust das Corona-Zeit-Endergebnis auszurechnen. (Und wenn es hart auf hart kommt, wartet auch noch ein Puzzle mit 2000 Teilen auf uns.)

Gestärkt aus der Krise

Ob alles klappen wird? Natürlich nicht! Aber vielleicht klappt ja vieles. Und ich wage zu hoffen, dass wir am Ende dieser Zeit uns innerhalb der Familie nicht plötzlich siezen, meine Frau oder ich die Scheidung einreichen, unser Sohn seinen Auszug plant und unsere Tochter plötzlich ins Internat will.

Ich bin sogar ziemlich optimistisch, dass wir als Familie gestärkt aus der Krise herausgehen. Mal ganz ehrlich: Dafür ist so eine Familie doch auch da!

Und vielleicht werden nicht nur wir in vielen Jahren noch mit einem Lächeln über dies Zeit reden, in der wir plötzlich wochenlang mehr oder weniger durchgehend in unserer Wohnung saßen und uns viel weniger auf die Nerven gegangen sind, als wir befürchtet hatten.

Das wäre doch was!

Arne Ulbricht ist verheiratet, hat zwei Kinder und arbeitet als Lehrer für Französisch und Geschichte in Teilzeit. Er schreibt schon seit mehr als 20 Jahren und hat nach diversen Büchern für Erwachsene letztes Jahr sein erstes Kinderbuch veröffentlicht. Lest hier unsere Rezension zu Luna, ein Fliegenpilz im Erdbeerkleid.

Luna: Unser Lieblingsbuch von Arne (Affiliate-Link)
Lempi

Lempi

Der Autor Thomas "Lempi" Lemken ist Papa von zwei Töchtern. Das bedeutet: Als einziger von uns lebt er mit gleich drei Frauen unter einem Dach. Neben seiner Funktion als Leithammel, ist er Gründungsmitglied, Stammautor und Lektor unseres Blogs.

2 Antworten

  1. Avatar mayer sagt:

    mit anderen kindern verabreden… immer noch nicht den schlag gehört…. respekt…

    • Lempi Lempi sagt:

      Der Autor Arne hat den Text am letzten Wochenende verfasst – ich gehe davon aus, dass er die Lage mittlerweile auch etwas anders einschätzt.

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