„Lena stinkt!“ – von Kitas und Internetklassenzimmern


Nie war der Geisteszustand einer Gesellschaft so leicht ablesbar wie in unserer heutigen Zeit. Das Internet und vor allem Social Media-Kanäle mit den Optionen zu teilen, liken, kommentieren und vor allem zu „hassen“, machen das möglich. Ich sage jedoch nicht: Das Internet ist schuld.

Nein, das Internet kann genau so wenig dafür, wie der Stift und das Papier etwas dafür konnten, wenn Klein-Ida früher in der Schulklasse „Lena stinkt!“ auf einen Zettel kritzelte und diesen rumgehen ließ. Wie komme ich darauf? Ich habe gestern ein Interview auf faz.net gelesen. Ein großartiges Gespräch mit der Bildungsforscherin Fabienne Becker-Stoll zum Thema Kitas und Betreuung. Wenn ich ehrlich bin, habe ich es geradezu verschlungen. Nicht nur, weil ich Vater bin, sondern weil meine Frau und ich gerade kurz vor der Eingewöhnung vom kleinen Mann stehen. Ehrlich gestanden haben wir sogar bereits einen ersten gescheiterten Anlauf hinter uns. Aber das ist ein anderes Kapitel.

Eingewöhnung

Frau Becker-Stoll forscht auf einem Gebiet, das emotional einem Minenfeld gleicht: Die Bildung bzw. Frühpädagogik.
Es wundert mich, dass die arme Frau nicht unter ständigem Personenschutz stehen muss. Immerhin nähert sie sich empirisch der Frage, was ist „gut“ und was ist „schlecht“ für unsere Kinder?

Jede Frage und Antwort des Interviews bin ich fast checklistenähnlich durchgegangen. Kann ich meinen 14 Monate alten Sohn guten Gewissens einer Krippe oder Kita anvertrauen? Oder riskiere ich dauerhafte emotionale und entwicklungspsychologische Schäden? Sind wir Rabeneltern, weil wir nicht bis zur Vollendung seines 18. Lebensjahres Elternzeit eingereicht haben?

Ich würde wirklich lügen, wenn ich behaupten würde, dass mich solche Fragen nicht umtreiben. Es ist mit Sicherheit keine zu weit hergeholte Unterstellung, wenn ich behaupte, dass alle halbwegs vernunftbegabten Eltern sehr am Wohl ihrer Kinder interessiert sind. Einen Experten zu dem Thema zu lesen, kann helfen. Und Frau Becker-Stoll hat mich mit vielen ihrer Antworten beruhigt, beziehungsweise mich in vielen meiner Annahmen bestätigt:

  • Krippe im ersten Lebensjahr? Nein!

    – Check! Machen wir nicht!

  • Ab dem zweiten Lebensjahr brauchen Kinder andere Kinder.

    – Check! Das kann nur gut sein!

  • Im zweiten Lebensjahr nicht länger als fünf Stunden.

    – Check! Machen wir nicht!

  • Wichtiger als das Studieren von Mandarin-Vokabeln, ist die Erfüllung ihrer individuellen Bedürfnisse nach Bindung, Eingebundensein, Kompetenzerleben und Autonomie.

    – Check! Sie spricht mir aus dem Herzen!

  • Trost und liebevolle Zuwendung, wenn es das Kind nötig hat.

    – Check! So banal und doch so wahr!

  • Ein Lächeln ist wichtiger, als das ausgeklügelste, strikt durchgezogene Turbo-Monster-Förderprogramm.

    – Check! Frau Becker-Stoll, ich feier Sie!

Natürlich habe ich das Interview direkt meiner Frau präsentiert. Stolz, als hätte ich gerade einen Zauberwürfel in 30 Sekunden gelöst. Sie machte mich dann beiläufig auf ein Phänomen aufmerksam, dass mir schon öfter begegnet ist und meine einleitende These erklärt. Die Kommentare unter dem Interview:

Da wird einem geraten, sein Kind an der Autobahnraststätte auszusetzen. Denn: Wer sein Kind in den ersten Jahren betreuen lässt, liebt es einfach nicht genug.

Da wird das Großziehen von Kindern mit der Hundezucht verglichen, die mitunter verantwortungsvoller sei, da die kleinen süßen Welpen erst nach einer bestimmten Zeit Mama verlassen müssen.

Da ist die Arbeit den Frauen einfach wichtiger als das Kind. Alles andere ist Antifeminismus und keineswegs mit wirtschaftlicher Notwendigkeit zu begründen.

usw. … bla … bla … bla…

Seitdem mich PapaDoc mal nach einem Artikel auf SPON mit einer Herz-Rhythmus-Massage zurück ins Leben holen musste, habe ich es eigentlich aufgegeben, Kommentare unter Artikeln oder Interviews zu lesen. Ich habe aber nicht aufgehört, darüber nachzudenken.

Was stimmt bloß nicht mit uns? Sind wir alle Grantler? Sind wir alle Klugscheißer und wissen alles besser? Selbst wenn jemand mit empirischen Erkenntnissen argumentiert, schmettern wir ihm ein „verrecke, Du Idiot!“ entgegen, ausschließlich beruhend auf dem Gefühl und Recht, es besser zu wissen. Wir verhalten uns wie Pennäler, die in ihrem pubertären Profilierungsdrang Gemeinheiten auf Zettel kritzeln, nur dass unser Zettel der digitale Raum ist.

Ich liebe den Diskurs und die Diskussion. Aber das beschriebene Phänomen hat nicht ansatzweise etwas damit zu tun. Je mehr ich darüber nachdenke, desto öfter muss ich an meinen alten Deutschlehrer denken. Immer, wenn jemand in der Klasse einen Beitrag mit „ich meine…“ oder „meiner Meinung nach…“ begann, pflegte er zu sagen:

Meinungen sind wie Arschlöcher. Jeder hat eins!

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11 Antworten

  1. Uli sagt:

    Online Kommentarsektionen sind ja meistens fürchterlich, aber beim Thema Kinder ist es wirklich noch mal eine Stufe härter. Ich denke alle Eltern wollen grundsätzlich nur das Beste für das eigene Kind und niemand will als Rabeneltern dastehen. Aber das „Beste“ ist eben nicht irgendwo nachlesbar in Stein gemeißelt und für jedes Kind gleich, egal ob es um Impfungen, Stillen oder die Kita geht.

    Mich erschreckt vor allem die Unerbittlichkeit mit der sich auch Mütter gegenseitig angiften, wenn jeder glaubt es am besten zu wissen. Da werden sich dann Expertenmeinungen um die Ohren gehauen und wenn man das Kind in den falschen Kindersitz sitzt, ist man gleich eine Rabenmutter oder konträr eine „Helikoptermutti“.

    Ich finde es bei solchen Diskussionen immer enorm hilfreich mal in’s Ausland zu kucken. Dort funktioniert vieles teilweise ganz anders und Kinder werden trotzdem gesund und groß. Lustig auch wenn man mal drei Generationen Mütter frägt, was zu ihrer Zeit beispielsweise beim Thema Stillen im Krankenhaus so empfohlen wurde. Da hat jeder eine andere „Mode“ durchgemacht und ich bin mir sicher in 10 Jahren werden wir noch mal ganz andere Erkenntnisse gewonnen haben und vieles was wir heute für „das Beste“ halten ist dann hinfällig.

    • DocGee DocGee sagt:

      Uli, das ist mit den Moden, ist absolut richtig. Ich (PapaDoc, Methusalem-Daddy) erinnere mich noch gut an ein Buch, dass ich vor JAHREN las. Verfasst vom damaligen Coach der Tennislegende Martina Navratilova. Sein Fazit vom Buffet einer gemeinsamen Einladung: Martina durfte nur ein trockenes Weißmehlbrötchen kauen, alles andere sei Körperverletzung. Heute sind Weißmehlbrötchen Körperverletzung, da man Low-Carb predigt. Die Dinge haben sich in ca 25 Jahren einfach mal um 180 Grad gedreht. LG DocGee aka PapaDoc, aka Methusalem aka „Machteuchallemaletwas lockerer“

  2. Petra sagt:

    Hi,
    ich mag es, dass auch auf einem „Väter-Blog“ diese Klug-Scheißer Kommentare zum machdenken anregen. Dabei geht es nicht darum, ob und was Fr. Becker-Dings etwas gesagt hat, sondern darum, dass die Kommentare (achtung) meiner Meinung nach eben nicht aus dem Bauch kommen.
    Meist liest man den Kommentaren an, dass sie im ersten Impuls geschrieben wurden (mmacht jeder mal, woll?) Und dabei eben auch Fakten ignorieren oder den Standpunkt anderer nahezu wegwischen statt einfach auch anderes gelten zu lassen.

    Schreibt eine mit ab 11 Monate Tagesmama und ab 24 Monate Kita…

  3. Przemek sagt:

    Manche der Empfehlungen von Frau Becker-Stoll scheinen aber etwas arg realitätsfremd zu sein… Ich bin der Meinung: den gesunden Menschenverstand einschalten und sich weder verrückt machen lassen, noch das ganze Thema zu einer Wissenschaft erheben. Dass auch gänzlich andere Modelle funktionieren zeigt z.B. ein Blick nach Frankreich. Und das ist auch nicht gerade ein Volk von Soziopathen, gell? 🙂

  4. DocGee DocGee sagt:

    Mir gefällt das Foto! Da ist viel Wahrheit dran!

  5. Vadder sagt:

    Ich denke, dass es vor allem auf die Entwicklung des Kindes ankommt, wann der richtige Zeitpunkt für die Tagesbetreuung gekommen ist. Etwas ausführlicher habe ich das in meinem Blog gerade beschrieben:
    http://vadders-blog.de/kommt-zeit-kommt-kita

  6. DaddyDavud sagt:

    @Hanna Dann versteht Du ja sehr gut, warum sich mir die Fußnägel bei den Kommentaren hochgerollt haben. Und ehrlich gesagt, würde ich mich nie zu einem Urteil oder einer Schlussfolgerung hinreißen lassen, wie sehr und ob jemand sein Kind liebt.

    Aber ich denke, da sind wir beide ganz auf Linie! 😉

  7. Hanna sagt:

    Harter Toback! Und ziemlich befürwortend. Finde mich da nur bedingt wieder – denn wir werden zum Beispiel unseren Sohn vor seinem ersten Geburtstag in die KiTa geben. Wieso auch nicht. Das heißt doch gar nicht, dass wir ihn weniger lieben als andere Eltern. Und ich habe für mich da überhaupt kein schlechtes Gewissen, weil ich z.B. durch die Arbeit meiner Schwester weiß, wie in einer U-3 Gruppe mit Kindern umgegangen wird.

    Dazu dann noch der Kommentar, dass die Arbeit den Frauen wichtiger wäre. Ich weiß, dass du das nicht gesagt hast, aber wer sagt eigentlich, dass die Frau zuhause bleiben muss? Ich find das auch ziemlich grenzwärtig solche Aussagen zu treffen. Auch ich bin Mutter und gehe arbeiten. Habe sogar erst heute darüber gebloggt. Und ich brauch das arbeiten zum Beispiel für mich ganz alleine. Ich kann doch auch nicht ständig zurück stecken und nur an meinen Sohn denken. Abseits davon, dass ich noch in der Ausbildung bin und diese auf jedenfall so schnell wie möglich zu beenden, würde ich vermutlich auch dann arbeiten gehen, wenn ich ausgelernt wäre. Zumindest bei meinem jetzigen Arbeitgeber.

    Ich finde, dass ist alles viel zu einfach gesagt – vor allem, weil sich alle Eltern Gedanken darüber machen, wenn sie ihre Kinder in den Kindergarten schicken – egal, ob sie arbeiten gehen oder zuhause bleiben. Das hat alles gar nichts mit der Liebe zum Kind zu tun! Wer sein Kind nicht lieben würde, der hätte keins!

  1. 5. September 2014

    […] noch junge Kita-Karriere meines kleinen Mannes beschreiben. Ich habe es ja bereits in einem alten Beitrag angedeutet. Kita 1 entpuppte sich als organisatorisches Verdun. Die Strukturen, organisatorischen […]

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