Eingewöhnung ist ein A.R.S.C.H.L.O.C.H

Eingewöhnung

Ich meine es genauso wie ich es schreibe. Eingewöhnung ist ein Arschloch!

Aus dem Regen in die Traufe. So könnte man die noch junge Kita-Karriere meines kleinen Mannes beschreiben. Ich habe es ja bereits in einem alten Beitrag angedeutet. Kita 1 entpuppte sich als organisatorisches Verdun. Die Strukturen, organisatorischen Entscheidungen und Abläufe waren in etwa so übersichtlich und nachvollziehbar wie der Straßenverkehr in Ho-Chi-Minh-City.

Richtigerweise muss ich sagen, dass es sich nicht um eine Kita, sondern um eine Elterninitiative handelte, in der unser Sohn seine Vormittage verbringen sollte. Organisationsform hin – Organisationsform her, es hat nicht geklappt. Dabei hatten wir uns ausreichend Zeit genommen. Noch in meiner Elternzeit sollte die Eingewöhnung von uns Dreien vollzogen werden. Mama war locker, Papa war locker und der wichtigste Teilnehmer des Projektes war ohnehin locker… Dumm nur, wenn die Bezugspersonen sukzessive stiften gehen.

Schnell haben wir die Reißleine gezogen. Meine Frau in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Kitas und Betreuungseinrichtungen kontaktiert, die wir jemals auf unser Wunschliste hatten. Sein Wohl geht vor – immer! Und manchmal ist das Glück mit den Dummen Glücklosen. Tatsächlich war in der Kita, die ursprünglich auf Platz 1 unserer Wunschliste (meiner Frau) stand, ein Platz frei geworden. Eine Familie war abgesprungen. Kaskaden des Glücks und der Erleichterung wuschen die Sorgen davon.

Champagnerstimmung hält bekanntlich nicht lange an. Und was folgt? Meist ein dicker Kater. Zwei Wochen Ferien und das nahende Ende meiner Elternzeit läuteten den unsrigen ein. Meine Frau war bereits wieder Teilzeit in ihren Job eingestiegen. Wer sich ansatzweise mit dem Thema Eingewöhnung auseinandergesetzt hat, weiß, das Einzige, was nicht knapp bemessen sein sollte ist: Zeit

Habe ich mich eigentlich schon darüber ausgelassen, wie schrecklich ich das Wort „Eingewöhnung“ finde? Was soll das überhaupt heißen? „Eingewöhnung“ klingt wie der erste unfreiwillige Initiationsritus unserer Gesellschaft in eng gesteckte Grenzen und Normen. Aber egal, ich schweife ab. Jetzt hatten sich die Parameter also verkehrt. Erst hatten wir jede Menge Zeit, aber dafür eine kack Betreuungslösung – nun keine Zeit mehr, dafür eine super Kita … welche wegen Ferien jedoch noch zwei Wochen geschlossen hatte.

Leider war unser Kontingent an Resturlaub nahezu erschöpft; gerade noch so ausreichend, um die zweite anstehende Eingewöhnung irgendwie zu stemmen. Für solche Situationen hat irgendein schlauer Mensch „Omas“ erfunden. Diese kinderliebenden, unermesslich geduldigen und selbstlosen Wesen. Ohne meine Mutter und die Mutter meiner Frau wären wir aufgeschmissen gewesen. Im Wechsel haben sie die Zeit überbrückt und unserem Sohn eine vormittägliche 1:1 Betreuung verpasst, wie es nur Omas können. Seine Augen funkeln jetzt noch wie Silvester-Feuerwerk, wenn einer von uns das Wort „Oma“ auch nur flüstert.

Obwohl es für den kleinen Mann noch ewig so hätte weiterlaufen können, müssen auch Omas mal wieder nach Hause und der „Alltag“ wieder einkehren. Wobei von Alltag zu sprechen, besonders bei (jungen) Eltern ein durchaus gewagtes Unterfangen ist. Klar versuchen wir Rituale und Anker im Tagesablauf zu setzen … wer jedoch schon mal einen kleinen brabbelnden Menschen mit einem Handy in der einen und einer Tube Sonnencreme in der anderen Hand quer durch die Wohnung verfolgt hat, weiß, dass sich zumindest Alltagstrott nicht so schnell einstellt.

Cool bleiben und locker durch die Hose atmen – so lautete auch für den zweiten Kita-Anlauf das ausgegebene Motivationsmantra. Dass wir in eine emotionale Achterbahnfahrt geraten würden, hatte ich tief bei den anderen Ängsten und Sorgen vergraben. Gleich hinten links, bei meiner Phobie vor riesenhaften Skorpionen, die mich verfolgen. Die erste Woche verlief auch prima … der Montag der zweiten Woche ebenfalls. Stolz berichtet ich im Büro BabyVater, PapaDoc und Lempi: „Mein Sohn bleibt schon drei Stunden alleine in der Kita, ist sein Mittagessen und lässt sich von den anderen Kindern seine Spielsachen bringen.“ Gut, bei letztem Punkt habe ich etwas angeben.

 

Meine allmorgendliche Aussicht

Meine allmorgendliche Aussicht

Hybris scheint mich in diesem Moment getrieben zu haben. Nach einer Erkältung und dem Aussetzen für ein paar Tage, folgten Tränen Irgendwann hatte meine Frau keinen Urlaub mehr und plötzlich zehrten wir vom Verständnis meiner Kollegen bzw. meines Arbeitgebers. Die Vormittage verbrachte ich wartend und lauschend vor Türen – draußen, drinnen, im Auto. Meine Nachmittage im Büro. Was ihn final aus der Bahn geworfen hat, darüber kann ich nur spekulieren. Dass mir in der letzten Woche mehrfach das Herz gebrochen ist, ist leider ein trauriger Fakt! Wenn dein Kind plötzlich weint und dir nicht vom Arm oder der Seite weichen möchte, ist dir schlagartig egal, ob du zur Arbeit musst oder nicht. Wenn du dann einen Arbeitgeber hast, der vormittags auf dich verzichtet und dafür nicht mal Urlaub sehen will, wird aus der oft bemühten Phrase Work-Life-Balance plötzlich gelebte Erleichterung.

Insofern kann ich also zwei Dinge festhalten:

Danke Omas & Jungs!

Und

Eingewöhnung, du bist ein Arschloch!

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15 Antworten

  1. Annika sagt:

    Besonders nervig sind dann noch diese Erzieherinnen, die immer meinen, man müsse nur konsequent auftreten, da die Kinder das spüren. Aber keine sorge, das wird schon, spätestens zur Einschulung 😉

  2. Uli sagt:

    Oh nein, dann wünsch ich euch mal alles Gute, dass sich die Lage bald bessert.

    Bei der Geburt meiner Kleinen dachte ich noch „Ach so mit einem Jahr kommt sie in die Krippe, das ist ja noch eeewig hin“. Tatsächlich hat es erst mit 15 Monaten geklappt und obwohl das auch schon wieder 1,5 Monate her ist, habe ich immer noch das Gefühl sie wäre doch noch viel zu klein dafür. Dabei kommen jetzt schon die nächsten Zwerge zur „Eingewöhnung“ sie ist jetzt schon nicht mehr die jüngste.

    • DaddyDavud sagt:

      Danke. Das wird. Ich habe uns Zwangsoptimismus diktiert.

      Die Zeit rennt wirklich wahnsinnig krass und auch ich erwische mich immer wieder und denke, „meine Herren, gerade doch erst aus der Klinik abgeholt.“

  3. Wat soll ick sagen. Geiler Artikel. Wie immer.

    Unsere Eingewöhnung (auch ick finde das Wort kacke -sowas gab es im Osten übrigens nicht) lief am Anfang auch super und dann folgten Tränen. Janz schlimm. Da kannste dich wirklich freuen, wenn du entweder nen verständnisvollen AG und ein verständnisvolles Team hast oder selbstständig bist. Lg, Dajana

    • DaddyDavud sagt:

      Danke für die Blumen!

      Unabhängig von der emotionalen Belastung ist das tatsächlich jobtechnisch ein Problem. Ich kann mich da wirklich glücklich schätzen. Aber du bringst es auf den Punkt! Was machst du, wenn der Arbeitgeber sich sperrt und kein Verständnis zeigt?!

  4. Wir starten in drei Wochen mit der Eingewöhnung. Bin richtig nervös…

  5. Mutter Rabe sagt:

    Sehr cooler Arbeitgeber, da kann man nur gratulieren! Ist ja leider nicht selbstverständlich… Bei uns beginnt in drei Wochen die Eingewöhnung, bin etwas hin- und hergerissen… http://unddannkamsie.blogspot.de/2014/08/die-krippe.html

    • DaddyDavud sagt:

      Das stimmt! Aber ich kann auch jetzt nichts gegenteiliges schreiben. 😉

      Viel Glück und Erfolg mit der Eingewöhnung!!! Wir drücken alle Daumen!

  6. Serena Tietze via Facebook sagt:

    Sehr schön geschrieben 🙂 Danke für diesen Beitrag

  7. Andreas Copar via Facebook sagt:

    Meistens ist es so, dass Unsere Kinder bei betreten des KiGA oder an der Tür der Tagesmutter, herzzerreissend anfangen zu Weinen. Kaum aber ist die Tür geschlossen oder aber Unsere kleinen sehen die anderen Kinder, sind Wir Eltern schon Vergessen und das Abenteuer beginnt ;). So habe ich es Erlebt …. Mein Sohn ist heute 16 !

  8. Renate sagt:

    Oh ja – das ist so schwierig, nicht nur bei der Kita sondern auch bei der Tagesmutter. Es bricht Mama und Papa das Herz, das Kind dort zu lassen, obwohl sie weint.
    Papa steckt es bei uns etwas leichter weg, aber er muss so früh aus dem Haus, dass er sie nicht wegbringen kann.
    Ich habe auf meinem Blog aus der Perspektive meiner Tochter darüber geschrieben: http://www.mamis-blog.de/2014/08/18/mama-du-sollst-bei-mir-bleiben/

    • DaddyDavud sagt:

      Für mich gibt es tatsächlich nichts schlimmeres. Ich hoffe, dass es bald ohne Tränen geht.

      Danke für Deinen Link, den Beitrag schauen wir uns sehr gerne an!

      • Renate sagt:

        Bei uns geht es nie ohne Tränen. Sie klammert sich immer fest und will nicht. Zum Glück höre ich dann im Hausflur dass sie schnell aufhört und schon kurze Zeit später bekomme ich ein Foto, auf dem ich ein lachendes glückliches Kind sehe. Trotzdem tut der Abschied jedes mal weh und ich frag mich ob das alles so richtig ist. Und das aufhören des weinens heißt ja nicht, dass sie mich nicht mehr vermisst sondern nur das beste daraus macht.
        Jedoch weiß ich nicht, ob ich zufriedener wäre, wenn sie freudestrahlend loslässt und mir nicht mal nachschaut.
        So oder so ist das Wiedersehen nachmittags schoen und wir genießen dann den Rest des Tages.
        So schwer es fällt, ist es jeden Tag ein Stück mehr loslassen.
        Ich wünsche euch viel Kraft dafür und immer die Unterstützung die ihr braucht!

        • DaddyDavud sagt:

          Danke für Deine lieben Worte und Wünsche, Renate! Es ist wirklich „spannend“ zu lesen, dass man nicht der Einzige ist, dem solche Dinge durch den Kopf gehen wie: „ist das alles richtig? Bedeutet nicht zu weinen, dass er auch glücklich ist?“ etc…

          • Renate sagt:

            Danke schön. Es tut auch mir gut zu lesen, dass ich damit nicht allein bin und dass es vor allem auch den Papas so geht. Irgendwie denkt Frau immer, dass die Männer so hart sind und das alles wegstecken, aber ich glaub, wenn es um Kinder geht, sind (fast) alle emotional. Und es ist eine Stärke, wenn man das zeigen und zugeben kann. weiter so!

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