„Immer wenn die nächste Terrorwelle startet, wird meine Frau unruhig“, Interview mit Arye Sharuz Shalicar aus Israel

Paris hat tiefe Narben hinterlassen. Der IS hat den Krieg in den Freitagabend getragen. Trauer, Wut, Hysterie – all das muss jetzt verarbeitet werden. Für uns als Vaterblog stellt sich insbesondere die Frage, wie wir unsere Kinder für dieses Thema sensibilisieren können. Während wir Erwachsene noch versuchen, das Unbegreifliche greifbar zu machen, leben andere Länder täglich mit der latenten Terrorgefahr. Eines dieser Länder ist Israel.

Wir wollen wissen, was Länder und Gesellschaften in denen Terrorgefahr zum Alltag gehört, bewegt und wie sie leben. Dies soll eine Interviewreihe werden. Wenn Ihr deutschsprachige Bekannte aus Krisenregionen kennt, bitte jederzeit den Kontakt unter info[ät]ichbindeinvater[PUNKT]de herstellen.

Interview mit Arye Sharuz Shalicar, Presseoffizier bei den Israelischen Armee

Arye Sharuz Shalicar

Das erste Interview führte Babyvater mit einem alten Bekannten. Der Mann heißt Arye Sharuz Shalicar, ist persischer Jude und kommt eigentlich aus Berlin, genauer gesagt aus Wedding. Vielleicht kennt ihn Johnny vom Blog Weddinger Berg sogar…

Über seine Jugend in Berlin hat er ein tolles Buch geschrieben. Seitdem ist eine Menge Zeit vergangen. Der ehemalige Hip-Hop-Musiker und Sprayer dient seit 2009 als Presseoffizier bei den Israelischen Verteidigungsstreitkräften und bekleidet derzeit den Rang eines Majors. Jetzt lebt er mit seiner Frau und zwei Kindern in der Nähe von Jerusalem. Der deutschen Öffentlichkeit erklärt er die israelische Sicherheitspolitik auf seiner Facebook-Seite. Wir haben ihn gefragt, wie man in Israel mit der Terrorgefahr umgeht und was seine Kinder davon mitbekommen.

Das Interview haben wir spontan und zwischen Tür und Angel bei uns im Büro am Telefon geführt. Sorry für die Geräusche im Hintergrund, aber der Betrieb musste parallel weitergehen. Das ganze Interview könnt ihr auf Soundcloud und YouTube hören. Den Link findet ihr am Ende des Beitrags.

Das Gespräch haben wir am 19.11.2015 geführt, kurz vor den gestrigen Anschlägen mit fünf Toten in Israel und im Westjordanland.

Haben dich die Ereignisse in Paris überrascht?

Der Terror ist nicht jetzt nach Europa gekommen, sondern er existiert bereits seit Jahrzenten. Wenn du mich fragst, ist es keine neue Entwicklung. Immer mehr Islamisten und radikale Gruppierungen siedeln sich in Europa an. Radikale Salafisten, wie Pierre Vogel, und diese Wuppertaler Sharia-Polizei sind nur ein Beispiel dafür. Das sind Dinge, die nicht seit gestern existieren. Für mich, der in Wedding groß geworden ist, war schon klar, dass es zu Radikalisierungen kommen könnte. Entweder von Personen, die ideologisch tief in irgendwelchen Hass-Ideologien verwurzelt sind, oder von denjenigen, die es auf gut Deutsch „verkackt“ haben. Oft sind es Menschen, die von niemandem wirklich akzeptiert werden und sich suchen. Das können auch deutsche Konvertiten sein, davon gibt es eine Menge. Deso Dogg, Sven Lau und wie sie alle heißen beispielsweise… Ab einem gewissen Alter sucht man nach Wegen. Und leider ist dieser islamistische Terrorweg für viele dieser Looser ein Mittel, Respekt, Geld, Macht, Anspruch und Anerkennung zu erlangen.

Wie geht ihr in Israel mit dieser Bedrohung um?

Eins muss man klar sagen: Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht. Nirgends. Ein weiter Punkt ist, dass die Sicherheitskräfte in Europa und in Israel schon lange alarmiert sind. Man muss die Diskussion führen, welche präventiven Maßnahmen man einführen muss, um Anschläge zu vermeiden. Die Präventionsmaßnahmen sind nicht überall beliebt und können unangenehm sein, weil sie teilweise nicht in eine liberale, demokratische Gesellschaft reinpassen. Andererseits muss man Demokratien und ihre Bevölkerungen schützen können. Und wenn es keinen anderen Weg gibt als den Unangenehmen, dann muss man diesen gehen.

Was Arye genau mit „unangenehmen Wegen“ meint, könnt Ihr im Interview nachhören. Unten kommt der Link.

Keiner will israelische Verhältnisse hier in Deutschland. Aber gibt es dazu eine Alternative?

Ich sage dir meine persönliche Wahrnehmung: Wenn ich heute die Wahl hätte, in Israel oder in Frankreich auf ein Konzert zu gehen, dann würde ich mich hier in Israel sicherer fühlen.

Wenn ich heute zu einem Fußballspiel gehe oder in eine Shopping Mall, dann würde ich mich in Israel sicherer fühlen.

Wenn ich heute in ein israelisches Flugzeug steige, fühle ich mich sicherer als in einem deutschen oder französischen.

Wenn ich heute auf israelischen Straßen unterwegs bin, dann fühle ich mich persönlich sicherer als auf den Straßen vieler europäischer Länder, weil ich weiß, dass der Durchschnittsbürger auf die Situation besser vorbereitet ist. Er weiß, wie er sich in einer Notsituation zu verhalten hat.

Warum ist die Bevölkerung in Israel so gut vorbereitet und sensibilisiert? Was wird getan?

Israel ist ein Land mit Pflicht-Wehrdienst. Sowohl für Männer als auch für Frauen. Frauen ab 18 Jahren lernen sich selbst zu verteidigen. Jeder ist mental auf außerordentliche Situationen eingestellt. Das heißt nicht, dass jeder hier ein Held ist. Im Gegenteil! Man versteht lediglich die Sicherheitslage, in dem sich das Land befindet. Man lebt mit diesen Gefahren. Es ist Alltag. In Europa hat man das nicht. Wenn in Paris so was geschieht, sind alle erschrocken und man wundert sich. Man lebt in so einer Art Illusionswelt. Wir in Israel haben diese Illusionsweltvorstellungen nicht. Jeder ist sich bewusst, dass jederzeit und überall eventuell etwas passieren könnte. Deswegen ist die große Mehrheit bereit, jederzeit sein Leben zu riskieren und sogar gegen Terroristen vorzugehen, bevor die Polizei eintrifft. Ich gebe dir ein Beispiel: Wenn in der U-Bahn in Köln oder Berlin Jugendliche auf jemanden einschlagen, würde ein großer Teil der Mitfahrer wegschauen oder sich nicht trauen etwas zu sagen, richtig? Das würde in Israel niemals passieren. Wenn in Israel in der Straßenbahn oder im öffentlichen Raum zwei Jugendliche auf einen anderen einschlagen, dann schreiten alle drum herum ein. Es gäbe kaum jemanden, der vorbeilaufen würde. Das ist meine persönliche Sichtweise.

Die Angst ist also ein ständiger Begleiter. Schränkt euch das in eurer Freiheit ein?

Ich will dir nichts vormachen. Lass uns mal zu deiner „Ich Bin Dein…“-Nummer kommen. (lacht) Wir haben zwei kleine Kinder. Eins und drei Jahre alt. Immer wenn die nächste Terrorwelle startet, wird meine Frau unruhig. Sie fragt mich dann immer, ob sie das Kind in den Kindergarten bringen soll oder nicht. Wer weiß, ob und wann irgendein Psychopath in den Kindergarten reinrennt. Das sind Situationen, die schwierig sind, weil es keine 100 prozentigen Sicherheiten gibt. Da muss man aber standhaft bleiben. Wenn sich jetzt keiner traut, in die Schule, zur Arbeit oder in den öffentlichen Raum zu gehen, dann hat der Terrorismus gewonnen. Das ist was der Terror will.

Welche Rolle spielt die Angst bei der Erziehung deiner Kinder?

Meine Kinder sind noch etwas klein, aber bei mir ist der erzieherische Umgang mit diesem Thema eine Mischung aus Angst/Sorge und Stärke/Mut. Sowohl als auch. Ich will meinen Kindern nicht vorlügen, dass hier alles sauber ist und keine Gefahren um die Ecke lauern. Sie sollen lernen mit Stresssituation zurechtzukommen. Genau das muss ich meinem Kind vermitteln. Ich will aber auch, dass mein Sohn und meine Tochter mutig sind. Ich will, dass sie lernen mit Angstgedanken offen umzugehen. Das braucht Jahre der Erziehung. Nichtsdestotrotz will ich meinen Kindern auch die Hoffnung geben, dass alles besser werden kann und der Terror nicht eine Sache ist, die für immer bleiben muss.

Machst du dir Sorgen, dass deine Kinder nicht frei von solchen Gefahren aufwachsen können?

Schau mal. Ich vergleiche mal Wedding mit Spandau. Ich habe bis zum 13. Lebensjahr in Spandau gelebt. Das war eigentlich eine schöne Kindheit. Ich hatte dort kaum Zwischenfälle bei denen ich mich bedroht fühlte. Es sei denn beim Fußballspielen. Das passiert immer mal. Aber bis zum 13. Lebensjahr lebte ich in einer friedlichen, angenehmen Kinderwelt, die wirklich cool war. Ich glaube, dass Kinder in Israel nicht die gleichen Chancen haben, wie ich damals in Berlin. Aber ich befürchte, dass generell Kinder von heute nicht mehr das haben, was ich in den 80ern hatte. Und zwar nicht nur in den Hardcore-Städten und Ghettos, sondern generell.

Was passiert außerhalb der Familien? Gibt es in Schulen Trainings im Umgang mit Terroranschlägen?

Ja, es gibt beispielsweise Raketenschutzübungen. In der Oberschule, Krankenhäusern und öffentlichen Gebäuden finden mehrmals jährlich landesweite Simulationsübungen statt. Hier geht es darum, die Ruhe zu bewahren und zügig die Schutzbunker aufzusuchen. Das ist vor allem in Schulen mit hunderten Schülern schwer, weil man innerhalb von 30 Sekunden, wenn die Rakete aus dem Libanon, Gaza-Streifen oder Syrien unterwegs ist, die Schutzbunker erreichen muss. Hier legt eine große Verantwortung bei den Lehrern.

Diese Übungen werden gemacht, damit die jungen Menschen bereits mental darauf vorbereitet und trainiert werden, um im Extremfall besser mit solchen Situationen umgehen zu können.

Können Europäer mehr lernen von Israel oder umgekehrt?

Es muss ein gesunder Austausch sein. Wir können voneinander viel lernen. Von den offenen, demokratischen Ländern Europas, Ihrer Demokratie und Menschenrechten und auch als Partner in vielen Angelegenheiten. Es gibt aber sehr viele Gebiete, wo der Westen vieles von Israel lernen kann. In den Bereichen Medizin, Landwirtschaft, Archäologie und auch in der Sicherheitsthematik. Das ist ein Gebiet, in dem Israel eine Instanz ist. Ich glaube es gibt kein Land auf der Welt, das in Sicherheitsfragen bewanderter ist als Israel. Ich sage dir auch warum: Israel ist das einzige Land in der Welt, welches seit dutzenden von Jahren an mehreren Grenzen gleichzeitig bedroht wird. Das gibt es im keinen anderen Land der Welt. Das macht natürlich was mit der Gesellschaft und wie sie sich aufbaut. Was nicht immer positiv ist. Leider. Aber das ist die Situation in der wir leben.

 

Ich danke dir für das Interview!

Wenn Ihr Fragen habt zu Arye, dann könnt Ihr auf seiner Facebook-Seite alle zwei Wochen unter #AskArye Fragen stellen, die er direkt persönlich beantwortet.

Das komplette Interview könnt ihr hier hören:

 


 

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Babyvater

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Der Autor Janni "Babyvater" Orfanidis gehört zu unserem Stammpersonal und ist einer der Gründer von "Ich Bin Dein Vater". Der gebürtige Kölner ist Ehemann, Kommunikationsberater und Vater einer Tochter. Aber ansonsten geht es ihm eigentlich ganz gut.

1 Reaktion

  1. Ob es uns gefällt oder nicht: Vergänglichkeit, mögliche Gewalt in der Außenwelt und andere Widrigkeiten gehören zum Leben. Wer sich und seine Kinder gut darauf vorbereitet, braucht gerade nicht in Panik zu verfallen. Wer wachsam durchs Leben geht, hat mehr davon!

    Die Sicherheitslage wird sich in Europa in den nächsten Jahren gewiss nicht verbessern – aber wir alle können in unserem Bereich etwas tun. Einige Techniken zur Selbstverteidigung kann sich jeder aneignen. Auch können wir Sportlehrer in den Schulen unserer Kinder ansprechen, ob es nicht Möglichkeiten gibt, dies im Unterricht zu lehren. Man muss nicht alles an Israel gut finden. Aber was „wehrhafte Demokratie“ und Zivilcourage anbelangt, können wir viel von den Israelis lernen.
    Großen Dank für das sehr interessante und lehrreiche Interview!

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