Digital-Zero: Wie ich vom Saulus zum Paulus wurde

Ich hatte die Dinge immer anders gesehen, hatte mich erfahrungslos über Fachtexte, kritische Stimmen von Pädagogen, Psychologen und anderen Experten hinweggesetzt. „Aaaaach“, dachte ich, „das sind doch immer die gleichen Thesen.“  Früher war es das Fernsehen und heute ist es das Internet, Handy oder das iPad. „Deren Thesen haben sich nicht geändert, die haben doch immer Angst – das will nichts heißen“, sagte ich dann immer zum Julchen und reichte dem Jungen das iPhone mit den zuvor geladenen Bob die Bahn-Filmen über den Tisch. Ein ungeduldiges Kind, das auf seine Pizza wartet, ein umherlaufendes Kind, das satt ist, ein unzufriedenes Kind, dem gerade nichts recht ist – wer hat das schon gerne in öffentlicher Restaurantbegleitung? Ich nicht, das gebe ich gerne zu; stresst mich, nervt mich, abstellen bitte.

 

Zwischenstopp in Nizza: noch im „Digital-On“

Verklemmte Sumpfkuh, französische – aber ich schweife ab.  

Ich bin nicht besser als die Deppin auf der Fähre von Korsika nach Nizza, die den Jungen angewidert von sich schob, als er versehentlich in ihren Armen landete. „Verklemmte Sumpfkuh, französische“, meckerte ich vor mich hin bis Juli mich darauf hinwies, dass wir wohl möglich nicht die einzigen Deutschen im Spielparadies von Corsica Ferries seien. Aber ich schweife ab. Kids mit digitalen Medien beruhigen, das fluppt. Niemand wäre dankbarer, glücklicher, zufriedener und ruhiger als unser junger Wegbegleiter beim Videogucken. Doch es kam anders und zwar zurecht.

Das digitale Programm schmolz

Der Einschnitt kam im Urlaub. Wasser, Sand, Boote, Eisenbahn, Autos, Berge, Katzen, andere Kinder – es gab viel zu entdecken… das digitale Programm schmolz in der Sonne und auch abends war plötzlich keine Rede mehr davon. Wir hatten es angesichts des Meerblicks einfach vergessen und später zuhause einfach so weitergemacht. Aus verschiedenen Gründen haben wir die digitalen Reize runter- und den analog Game Swag aufgedreht. Fairerweise muss ich sagen, dass „wir“ in diesem Fall „ich“ bedeutet. Konkret sitze ich inzwischen häufiger auf dem Fußboden und bewege den THW-Bagger. Ich lasse den Baggerfahrer aussteigen, der vorbeigeführten Eisenbahn winken, ich repariere defekte Streckenteile und sammle die Frachtstücke aus den Ecken zusammen, die beim Verladen nicht so wollten wie der Protagonist.

Bagger und Berge statt Bob der Baumeister

Das Böckchen schweigt mit

Handy ist aus. Fernsehen ist aus. Wir hören manchmal Doris Day oder Mozart oder Kikaninchen oder den Couscous Dance aus dem Kids Club in Korsika. Aber nur, wenn der Herr Laune hat. Sonst schweigen die Lämmer. Und das Böckchen schweigt mit!

Das ganz und gar bemerkenswerte an dieser Geschichte ist, dass wir seit langem kein so ausgeglichenes, stressfreies und angeregt spielendes Kind mehr hatten.

Die eigene Erfahrung lehrt mich nun, dass es für unseren Typen (noch) besser ist, digitale Ruhe zu bewahren, überhaupt den Reizlevel überschaubar und die Dinge geordnet zu halten. Der Bödefelder blüht auf. Selbst in Restaurants reichen inzwischen ein Kran, zwei Schienen und ein paar Wagen, um den Typen zu beschäftigen. Wenn er mal aufsteht, um den Laden zu checken, dann tut er das eben. Genau wie ich, wenn ich heimlich die Mails checke…

PapaDoc

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Der Autor Thomas "PapaDoc" Guntermann ist gleichzeitig der Namensgeber unserer Kommunikationsagentur, in der wir eigentlich alle zusammenarbeiten. Er gehört zum Gründungsteam dieses Blogs, ist Stammautor und lebt mit seiner Frau und Sohn im beschaulichen Kölner Vorort Hürth (Buuuh).

2 Antworten

  1. since3479 sagt:

    Junge, Junge….bin gestern doch tatsächlich erst auf eure Seite gestoßen….
    Ziemlich coole Beiträge….vor allen Dingen finde ich mich in vielen Sachen wieder mit meinen Kids 😉
    Weiter so! Werde euch aufmerksam weiter verfolgen.

  1. 2. August 2017

    […] wurde vom Saulus zum Paulus: Vom Early Heavy Adopter zum Strickfetischisten – PapaDoc hat für sich und seinem Sohnemann entschieden, dass Displays erstmal ausbleiben. […]

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