Bittere Medizin: Vier Fragen an Prof. Dr. med. Reinhard Berner

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Die Sache mit dem Kampf ums bittere Antibiotikum hat mir keine Ruhe gelassen. Deswegen habe ich mir erklären lassen, warum Medizin überhaupt bitter ist und wie man sie trotzdem verabreicht bekommt. Prof. Dr. med. Reinhard Berner, Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) und dort zuständig für pädiatrische Infektiologie, war so nett, uns Rede und Antwort zu stehen.

Ich habe in den letzten Tagen kämpfen müssen, um meine kleine Tochter davon zu überzeugen, ihr Antibiotikum einzunehmen. Warum schmecken die Antibiotika-Säfte eigentlich immer so scheußlich? Wäre es nicht möglich, die heutzutage auch wohl schmeckend anzubieten?

Professor Berner: Die „bittere Medizin“ ist ein altbekanntes Thema. Viele Inhaltsstoffe von Medikamenten haben einen unangenehmen bitteren (Bei-)Geschmack, der sich leider bis heute im Herstellungs- und Formulierungsprozess nicht vollständig verhindern lässt. Es gibt aber mittlerweile durchaus viele Ansätze und Versuche der Pharmazeutischen Industrie, dies kinderfreundlicher und geschmacklich neutraler zu gestalten. Häufig werden sehr intensive Aromastoffe beigesetzt, um das „bittere Penicillin“ geschmacklich zu übertünchen, aber das gelingt nur teilweise. Es gibt aber durchaus auch kontroverse Stimmen, die die Meinung vertreten, Medizin müsse bitter sein, um die Botschaft der Wichtigkeit und Bedeutung des Arzneistoffs für die Heilung zu transportieren. Ob man diese Metaebene wirklich jedem Dreijährigen vermitteln kann, darf vielleicht offen bleiben.

Haben Sie einen Tipp, wie man die Medizin „ins Kind“ bringt, obwohl es sich mit Haut und Haaren wehrt?

Professor Berner: Einen Versuch wert ist es, die Medikamente – Antibiotika werden üblicherweise ja als Säfte angeboten – mit viel Flüssigkeit einzunehmen. Das heißt, jeweils kleine Mengen Saft mit großen Mengen Tee oder Saft oder Wasser herunterzuspülen. Das hat mehrere Vorteile. Der Geschmack ist nicht so intensiv, die Verweildauer auf der Zunge kürzer. Man sollte heute bei Antibiotika ohnehin möglichst sogenannte Trockensäfte verwenden, die in Wasser gelöst werden. Die Aufnahme der Inhaltsstoffe aus diesen Trockensäften im Dünndarm ist deutlich besser als aus anderen Säften. Sie kann noch erheblich gesteigert werden, wenn das Antibiotikum mit einer großen Menge Flüssigkeit aufgenommen wird. Das hat 2 Vorteile: mehr Antibiotikum gelangt aus dem Dünndarm in den Körper und damit an die Stelle, wo es die Infektion bekämpfen soll; weniger Antibiotikum gelangt in den Dickdarm und löst dort Nebenwirkungen wie Durchfall oder Bauchschmerzen aus und verändert weniger die normale Darmflora.

Laut einer aktuellen DAK-Studie nehmen wir Deutsche zu viele Antibiotika. Gilt das aus Ihrer Erfahrung auch schon für Kinder?

Professor Berner: Das ist ein sehr weites Feld, das sich nicht in drei Sätzen beantworten lässt. Ja, mit Sicherheit werden in Deutschland auch für Kinder zu viele Antibiotika verordnet. Allerdings zeigt eine Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Vereinigung in Deutschland („Versorgungsatlas“), die vor wenigen Tagen veröffentlicht worden ist, dass die Verordnungszahlen von Antibiotika durch Kinderärzte in den letzten Jahren deutlich zurückgegangen sind. Dies ist aus unserer Sicht nicht zuletzt auch auf die intensive Aufklärungsarbeit zurückzuführen, die durch die DGKJ und die DGPI in den letzten Jahren geleistet worden ist.

Wann sollte man zu Antibiotika greifen und wann nicht?

Die Frage, wann man zu Antibiotika greifen sollte und wann nicht, ist natürlich pauschal schwierig bzw. nur sehr oberflächlich zu beantworten. Man sollte das dann tun, wenn tatsächlich eine bakterielle Infektion vorliegt und die Behandlung mit einem Antibiotikum einen signifikanten Beitrag zur Heilung leisten wird bzw. der Patient durch das Unterlassen der Behandlung gefährdet würde. Grundsätzlich gilt aber, dass man in den letzten Jahren sehr viel zurückhaltender gerade bei Kindern geworden ist, Krankheiten wie Atemwegsinfektionen, Mandelentzündungen, Mittelohrentzündungen, für die die höchsten Verordnungszahlen vorliegen, schon sehr rasch mit Antibiotika zu behandeln, weil man gelernt hat, dass diese Krankheiten in vielen Fällen sehr gut auch ohne Antibiotika ausheilen. Die Kunst ist es, herauszufinden bzw. zu entscheiden, welcher Patient von der Behandlung profitieren wird und wer nicht. Man hat aber auch gelernt, dass die Kommunikation zwischen Arzt und Patient bzw. Eltern entscheidend ist. Viele Ärzte verspüren vermeintlich eine Erwartungshaltung, einen Verordnungsdruck ihrer Patienten, der sich in einer guten Arzt-Patient-Kommunikation oft sehr schnell auflösen lässt. Hier ist noch viel Spielraum nach oben.

Vielen Dank!

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Lempi

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Der Autor Thomas "Lempi" Lemken ist Papa von zwei Töchtern. Das bedeutet: Als einziger von uns lebt er mit gleich drei Frauen unter einem Dach. Neben seiner Funktion als Leithammel, ist er Gründungsmitglied, Stammautor und Lektor unseres Blogs.

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