Ist der SPIEGEL-Titel wirklich so übel?

Header Blog (2)Die veröffentlichte Eltern-Bloggermeinung ist sich einig: DER SPIEGEL hat sich mit seiner Titelstory „Lasst die Väter ran!“ in die Nesseln gesetzt.

(Nachtrag: Daddylicious und wir werden im Beitrag kurz namentlich erwähnt) 

Einige fühlen sich persönlich angegriffen oder bestätigt und reagieren mit Unverständnis und Wut. Ja, es gibt kompetentere Medien zum Thema, uns zum Beispiel (nur ein Spaß;-), denn wir haben fünf Fragen und eine Antwort: Und die lautet NEIN!!!

Uns stellen sich zu Beginn fünf konkrete Fragen:

  • Sind Väter die besseren Mütter?
  • Ist die Frage überhaupt eine kluge?
  • Stehen Vater und Mutter in einer Art Wettbewerb?
  • Verdienen so genannte „moderne Väter“ Lob dafür, wenn sie ihren Arsch ein paar Zentimeter für die Familie bewegen?
  • Ist es vor allem „Maternal Gatekeeping“, was einem größeren Engagement von Vätern im Weg steht?

Fünf Mal nein!

Das Titel-Thema des aktuellen SPIEGEL polarisiert innerhalb der Elternblogger-Szene. So wie fast jedes Mal, wenn es um Erziehungsthemen geht.

Leitmedium schreibt beispielsweise „Väter sind auch nur Eltern“ und kritisiert den Aufmacher scharf. Mein Anspruch an mich als Vater ist es, einfach ein „Elter“ zu sein. Ich bin für meine Kinder da und tue Dinge, die ich gut kann und andere nicht – oder überwinde mich dazu, wenn nötig.

So ähnlich sehen das viele Menschen da draußen. Johnny vom Weddinger Berg hat einen Punkt, wenn er sagt, dass für ein Großteil der Väter die Frage des SPIEGEL-Titels gänzlich irrelevant sei, denn: sie würden ohnehin das Ernährermodell leben. Er hat auch Recht, wenn er schreibt, dass sich die meisten so genannten „modernen Väter“ (inklusive uns) selbst in die Hosentasche lügen, wenn sie einen Haufen Gründe dafür finden, warum es gerade bei ihnen nicht klappt, im Job gleichberechtigt zu ihrer Partnerin zurückzustecken und sie ihre Vaterrolle dann eben doch wieder „nur“ in zwei Monaten Elternzeit, am Feierabend und am Wochenende aus- und erleben.

Woran sich viele Stimmen stören: Es würden alle Klischees bedient, um Väter und Mütter gegeneinander auszuspielen. Aber ist das wirklich so? Die Unterstellung, dass die Autorin, Kerstin Kullmann, Mütter an den Pranger stellt, erschließt sich mir nicht. Die Feministin ist „Emma“-Journalistinnenpreisträgerin 2012 und hat zahlreiche Artikel zu diesem Thema verfasst. Der Preis wurde an Journalistinnen vergeben, um journalistische Qualität mit einem Bewusstsein für gesellschaftliche Realitäten zu fördern und der strukturellen Benachteiligung von Frauen in einem traditionell männlichen Beruf bestärkend entgegenzuwirken. (Wikipedia)

Wir können die Empörung in einigen Punkten nachvollziehen, aber eben nicht die Generalkritik, denn auch Passagen wie die folgenden finden sich im SPIEGEL-Artikel:

„‘Männer sollen jetzt in der Arbeitswelt für ihr Recht kämpfen, Vater zu sein.‘ So wie die Frauen dafür gekämpft haben, nicht nur Mutter sein zu müssen. […] Väter müssen in der Familie nicht den Mann spielen – und Frauen nicht die Mutter“.

„‘Wenn man sich aber ansieht, wie sich Männer und Frauen gegenüber Babys verhalten, bemerkt man: Der Unterschied ist verschwindend gering‘, sagt Lamb. Der Umgang ändere sich stärker zwischen verschiedenen kulturellen Kontexten als zwischen Männern und Frauen. (…)So betrachtet, sind Vater oder Mutterrollen vor allem ein soziales Konstrukt.“

Wir Elternblogger sind tiefer drin in diesen Themen als die meisten breit aufgestellten Magazine und Tageszeitungen – aber eben auch als die meisten Eltern. Das Reizthema „mütterliches Gatekeeping“ wurde bereits Anfang 2014 von Eltern-Bloggern heiß diskutiert. Ist diese Debatte im Mainstream angekommen? Eher nicht. Ist es zielführend das „maternal gatekeeping“ höher zu hängen als die faulen Ärsche unseres eigenen Geschlechts? Eher nicht. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in selbsterfüllende Prophezeiungen verfallen.

Aber: Hat das Thema, ob, wie und dass Väter sich engagieren, es verdient, außerhalb der Elternblogger-Nische diskutiert zu werden? Ja! Wir bewegen uns online in der Blase von Menschen, die meist schon Eltern sind und die sich auch bewusst damit auseinandersetzen. Aber was ist mit Vätern, die sich bislang nicht bewusst mit ihrer Rolle auseinandersetzen. Was ist mit werdenden Eltern? Was ist mit Kinderlosen? Für Sie können Artikel wie der SPIEGEL-Titel ein Einstieg in ein Thema sein, das für sie bislang gar keins ist. Bei aller berechtigten Kritik ist so ein SPIEGEL Titel daher auch ein Anlass zur Freude. Freude darüber, dass Themen wie Vaterrolle oder Vereinbarkeit nicht mehr nur als Randgruppenproblem abgetan werden, sondern sich in die Mitte der Gesellschaft bewegen. Vielleicht sollten Autoren im Zuge ihrer Recherchen den Dialog mit uns Eltern-Bloggern suchen?

Natürlich kann man es scheiße finden, dass man in Deutschland im Jahr 2015 noch auf so einem Niveau über das diskutieren muss, was für viele von uns selbstverständlich ist. Trotzdem ist es doch erst einmal positiv, dass sich ein Medium wie der SPIEGEL dem Thema Vaterschaft in einer Titelgeschichte widmet. Der Artikel erzeugt Aufmerksamkeit für ein stärkeres väterliches Engagement. Wir verstehen ihn auch als Aufforderung, die aktive Vaterschaft anzunehmen und sich nicht in Ausreden zu verstricken. Ja, der Titel ist zugespitzt, pointiert oder reißerisch. Er soll verkaufen. Das ist eben Journalismus, als Empörungsmaschinerie (aber das ist ein anderes Thema) Die Polarisierung ist gewolltes Kalkül, damit wir uns darüber genüsslich die Mäuler zerreißen. Und ja, genau das funktioniert ja auch und gehört wohl auch zur Debatte.

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Der Autor Thomas "PapaDoc" Guntermann ist gleichzeitig der Namensgeber unserer Kommunikationsagentur, in der wir eigentlich alle zusammenarbeiten. Er gehört zum Gründungsteam dieses Blogs, ist Stammautor und lebt mit seiner Frau und Sohn im beschaulichen Kölner Vorort Hürth (Buuuh).

4 Antworten

  1. Ich finde es gut, einmal eine objektive Meinung zu dem Artikel zu lesen! Ich bin Deiner Meinung, der Titel ist reißerisch und polarisierend und würde der Bild-Zeitung alle Ehre machen! Ich bin selber Journalistin und finde den Titel fast schon irreführend: Der Artikel selbst ist keineswegs so verkehrt, wenn man ihn als Ganzes betrachtet und keine Passagen rauspickt. Der Tenor, der bei mir hängen geblieben ist: Hey, Papas ihr macht Eure Sache gut. Wir brauchen Eure Art ebenso wie wir die Art der Mütter brauchen! Und manchmal habe ich mir beim Lesen gedacht: Häh, bei uns bin ich ja der Papa, während mein Mann in manchen Dingen mehr die Mutterrolle übernimmt! Wir wechseln uns ab und das ist gut so. Es lebe der Rollentausch- sagt ja auch die Autorin des Spiegels. Und was Du auch schon sagtest: Der polemische Titel (das Thema ist auf dem Titelblatt!) hat seinen Zweck erfüllt, es wird geredet, diskutiert und erreicht ein größeres Publikum weit über all jene hinaus, die ohnehin ihre Meinung zu dem Thema haben! Bestimmt auch Leute, für die es noch nicht normal ist, dass Papas heute so eine Vaterrolle einnehmen. Lieben Gruß Vere Mami Rocks

  2. Susanne sagt:

    Ich finde den Artikel gelungen. Ernsthaft. Ich bin ja mehr auf der nächsten Ebene unterwegs, also dem Vater sein nach einer Trennung/Scheidung. Immer noch ein trauriges Kapitel in Deutschland. Man glaubt gar nicht, wie wenig getrennte Mütter ihrem Ex, also dem Vater ihres Kindes, Erziehungskompetenz zutrauen. Klar, das mag auch daran liegen, dass es vielleicht genau zu dem Thema immer Reibereien gab, Aber auch Familienrichter schließen sich gerne dieser Meinung an. Wenn die durch diesen Artikel ereicht werden ist doch alles palletti.
    Liebe Grüße, Susanne vom Stiefmutterblog

  3. Uli sagt:

    Kommt ihr nicht auch in dem Spiegel Artikel vor? Das wäre dann vielleicht einen Disclaimer wert gewesen.

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