Gastbeitrag: Klicken statt kicken – Das chattende Klassenzimmer

Plötzlich war für meinen Neuner alles anders. Die ersten Geburtstagsfeiern in 2015 waren für ihn nicht mehr das, was sie noch bis zum 23. Dezember des letzten Jahres waren. Was war nur geschehen? Enttäuscht berichtete er von einer plötzlich eingetretenen Handy-Flut unter seinen Schulfreunden. Die Kumpels, die noch gestern ausschließlich Fußball im Kopf hatten, sitzen jetzt in der Ecke, und daddeln an ihren portablen Mini-Computern herum. Auf die Frage meines Neuners an einen seiner Klassenkameraden, warum man denn jetzt ein Handy mit zur Party mitbringen müsse, bekam er kurz und knapp als Antwort: „Na, wenn es doch mal langweilig wird!“.

Komisch daran ist nur, dass das Wort „Langeweile“ bis dato für die Fußball-Gang meines Neuners ein Fremdwort darstellte. Aber so ist das wohl in Zeiten der Digitalisierung. Immerhin hatten von den 20 Schülern in der Vierten meines Neuners 16 – in Worten SECHZEHN – ein Handy, ach was sag‘ ich, ein Smartphone zu Weihnachten bekommen. Und so lernen schon die Grundschüler bereits vor Vollendung ihres zehnten Geburtstages neben den wichtigsten Funktionen eines Smartphone auch die Bedeutung von Langeweile kennen.

Toll, da bemüht man sich, als möglichst aktiver Vater mit Anspruch, seinem Nachwuchs zumindest ein Mindestmaß von sinn- und wertvollen Freizeitaktivitäten näher zu bringen. Also zum Beispiel Fußballspielen und vor allem –gucken, Sport sowieso und im Allgemeinen, Piratengeschichten, Fantasyromane vorlesen, Pommes essen, usw. Also, im Prinzip alles, was Vätern halt auch Spaß macht. Und jetzt? Langeweile in der Soccerworld! Ich glaub’s nicht!

Aber das ist ja nur die Spitze des Eisbergs. Denn die neuen digitalen Wegbegleiter finden selbstverständlich auch ihren Weg in den Tornister. Dies wiederum stellt die Grundschullehrerinnen (Männer gibt es hier ja eher selten) vor ganz neue Herausforderungen: Jetzt kann die gemeine Primarstuflerin sich beim Thema „Cyberkollaps“ nicht mehr entspannt zurücklehnen, frei nach dem Motto „nach mir die Sintdatenflut“. Sollen sich doch die Kollegen an den Weiterführenden damit herumschlagen. Diese Zeiten sind lange vorbei. Infoabende, an dem engagierte Polizeibeamte über die Gefahren von Cybermobbing per Whatsapp und Co. informieren, stehen neuerdings auf dem Stundenplan der Grundschulen. So jüngst auch bei uns. Blöd war nur, dass dort sowieso nur die Eltern, saßen, deren Kids noch kein Smartphone besitzen. Die anderen haben ja kein Problem, die haben die Dinger ja selbst verschenkt. Es mag altmodisch und zuweilen spießig wirken, aber ein Satz des Schutzmannes an unserem Infoabend möchte ich hier gerne zitieren: „Liebe Eltern, ein Smartphone ist kein einfaches Mobiltelefon. Es ist ein höchst leistungsfähiger Computer im Taschenformat, mit dem ganz nebenbei auch telefoniert werden kann. Und der hat nichts in den Händen von Grundschülern verloren!“ Mich hat dieser Satz wirklich beeindruckt. So einfach und zugleich kompliziert ist das. Dabei fiel mir nämlich vor allem eines auf: Es ist demnach heute ganz normal, dass Neunjährige mit einem technischen Gerät im Wert von durchschnittlich 500 Euro herumlaufen dürfen. Was zudem noch ein Geschenk ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob bereits benutzt oder nagelneu. Ich glaube, hier wissen einige wirklich nicht, was sie da tun. Da bin ich mal gespannt, wie sich bis zur Volljährigkeit die Wertigkeit der Präsente entwickeln wird. Und ob die Eltern dem Anspruchsdenken ihrer Kleinen standhalten können. Ich nehme gerne Anregungen entgegen.

Ach ja, es wohl überflüssig, zu erwähnen, dass bei den Smartphones in der Klasse meines Neuners nahezu überall Whatsapp freigeschaltet ist. Und damit auch der ungehinderte Zugang zum World Wide Web. Erste tränenreiche Zusammenbrüche einiger Mädels nach lustigen YouTube-Filmchen mit diversen Tierkadavern waren schon an der Tagesordnung. Ein erster Fall von Cybermobbing gegen eine Mitschülerin mit weit reichenden Folgen wie Klassenkonferenz und Polizeieinsatz inklusive ereignete sich ebenfalls bereits. „Aber was soll man denn nur dagegen machen?“, hört man da gerne immer wieder von ratlosen Eltern. Gerne gepaart mit dem Spruch: „Wir machen es den Kindern ja vor. Wir nutzen ja auch ständig ein Smartphone. Dann können wir es ihnen ja nicht verbieten.“ Wenn ich so einen Mist höre, frage ich mich immer wieder, wer hier eigentlich in die Schule gehen sollte? Es scheint für manche wirklich keinen Unterschied mehr zwischen Erwachsensein und Kindsein zu geben. Also, wenn das so ist, dann werfe ich nach der nächsten Party meinem Neuner den Autoschlüssel zu und lasse mich von ihm nach Hause fahren. Denn Autofahren mache ich ihm ja auch täglich vor.

Meine lieben Kölner Freunde. Ich sag es euch: Da rollt was auf euch zu. Aber glaubt bloß nicht, ihr hättet noch mindestens fünf Jahre Zeit zur Vorbereitung. Eure erste Cyberattacke wartet bereits in der Kita auf euch. Soviel ist klar!

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5 Antworten

  1. Lea sagt:

    Mich wundert es immer wieder. Wie kann das sein?
    Unsere Kinder sind die nächste Generation. Welche Werte wollen wir Ihnen vermitteln? Das sie immer erreichbar sein sollen, damit später das Thema Work-life Balance nie aufkommt? Weil sie seit klein auf gelernt haben immer erreichbar zu sein?
    Das ein Chat immer einem richtigen Gespräch vorzuziehen ist, weil cooler? Sich nur über Smiles auszutauschen, reicht ja?!
    Technik ist was tolles und wird unseren Kids eine Menge ermöglichen. Es ist nur so wie bei allem #tollen#, Alkohol, Autofahren usw. Man braucht eine gewisse Reife. Weil im Umgang mit Technik weitreichende Konsequenzen lauern, die Kinder nicht abschätzen können. Und Eltern die ihren Kids in der Grundschule ein 500€ Smartphone schenken, sollten sich überlegen welche Reife sie erwarten.

  2. Marc sagt:

    Zunächst einmal möchte ich sagen/schreiben, wie unterhaltsam ich diesen Blog finde. Mütterblogs habe ich schon ein paar gelesen, aber das auch Väter so unterhaltsam bloggen war mir bisher neu.

    Das Thema Smartphone wird bei uns auch immer wieder diskutiert. Unsere Tochter geht zwar erst in die 2. Klasse, aber die Entwicklung geht ja schon deutlich in die Richtung, dass Kinder immer früher ein Smartphone geschenkt bekommen.
    Meine Frau und ich vertreten grundsätzlich den Standpunkt, dass ein Smartphone bei Kindern nichts zu suchen hat. Vor allem kein hochwertiges und teures Gerät (wie aber immer wieder zu beobachten ist). Wir sind aber auch realistisch genug zu erkennen, dass wir uns diesem Trend -wenn die Stunde schlägt- nicht so ohne weiteres widersetzen werden können. Wir wollen nämlich nicht, dass eines unserer Kinder wegen unserer Prinzipientreue am Ende der Leidtragende ist (unsere Tochter ist kürzlich erst wegen ihres Füllers gemobbt worden!).
    Verkompliziert wird die Geschichte dadurch, dass heutige Smartphones eierlegende Wollmilchsäue sind, die MP3-Player, Videoplayer, Spielekonsole, Terminplaner und vieles weitere gleichzeitig sind. Beobachtet man die jüngeren Nutzer, so stellt man fest, dass sie meist Spiele spielen, Videos/Clips schauen oder vereinzelt Musik hören. Der kommunikative Aspekt kommt m.E. ja erst später hinzu (so zumindest meine Beobachtung).

    Deshalb haben wir für uns folgendes Beschlossen: wir werden es so lange wie möglich hinauszögern uns aber nicht komplett sperren. Darüber hinaus wird es ein einfaches Gerät werden (also auch kein abgelegtes Top-Smartphone), an dessen Kosten sich das Kind beteiligen muss. Darüber hinaus wird das Gerät nach unseren Vorstellungen eingerichtet und konfiguriert sein.

    Was ich aber auch immens wichtig finde und wo meines Erachtens viele Eltern versagen ist die Vermittlung entsprechender Kompetenz verantwortungsvoll mit so einem Teil umzugehen!

  3. Uli sagt:

    Kleiner Erfahrungsbericht aus Bayern, hier gilt an Schulen folgendes:
    „Im Schulgebäude und auf dem Schulgelände sind Mobilfunktelefone und sonstige digitale Speichermedien, die nicht zu Unterrichtszwecken verwendet werden, auszuschalten“
    https://www.mebis.bayern.de/medien/welten/handy-smartphone/handynutzung/

    Klar, damit verlagert man das Problem nur, anderseits wüsste ich nicht warum man Jugendlichen überhaupt erlauben sollte in der Schulzeit mit ihren iPhones zu spielen.

  4. Jakob sagt:

    Super Artikel. Danke. Aber angsteinflössend. Meine Söhne sind 4 und 1. Es kommt also noch auf mich zu. Und iPad nutzen sie zu Hause ja jetzt schon, mit meiner und Mutters Zustimmung (für Kinderspiele und Kinderfilme). Bin mir nicht sicher, ob das richtig ist. Bin mir nicht sicher, ob ich für die Zeit der Grundschule schon innerlich gewappnet bin. Totschlagargument wird doch sein: „Die anderen in meiner Klasse haben alle ein Smartphone!“ Auweia!

  1. 19. April 2015

    […] Klicken statt kicken – Das chattende Klassenzimmer Auf dem Papa-Blog “Ich bin Dein Vater” schreibt ein Gastautor über den Einzug von Smartphones an Grundschulen. […]

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