Was wir vom Tod eines Rockstars über das Familienleben lernen können

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Ich hätte nie gedacht, dass mir der Tod eines Rockstars die Bedeutung eines ganz normalen Familienlebens mal so drastisch vor Augen führen würde. Jeder Tod ist ein Schicksal und so war es für mich nicht weiter deprimierend, als ich im amerikanischen Rolling Stone darüber las, dass man Scott Weiland, den ehemaligen Sänger der Stone Temple Pilots tot in seinem Tourbus in Minnesota gefunden habe. Allerdings durchzuckten mich sofort die Geister der Erinnerungen an jenen 31. März des Jahres 1993. Damals arbeitete ich für ein kleines, noch unabhängiges semi-professionelles Wave- und Gothic Magazin namens Zillo. Ich war der einzige dort, der etwas mit härteren Gitarren anfangen konnte und diese ganze Grunge-Sache halbwegs kapierte. Die Plattenfirma hatte was gedengelt, ich wohnte in Bochum also nah genug dran und wurde nach Köln geschickt, die Stone Temple Pilots zu interviewen.

Es war 1993. Das Grunge-Ding, mit all den kaputten Weltschmerz-Typen stand in voller Blüte und die Plattenfirmen warfen auf den Markt, was ging. 1992 hatten die Stone Temple Pilots ihr Debüt Core veröffentlicht, ein mittelprächtiges Nirvana/PearlJam/Soundgarden-Plagiat, dass sich allerdings prächtig verkaufte. Die Band hatte sich ein Jahr lang in den Staaten verschlissen und wurde nun durch Europa gehetzt. Ich hatte in der britischen Presse gelesen, dass Sänger Scott Weiland bereits mit allem und jedem seiner Umwelt auf übelste gestritten hätte und ich war mit gemischten Gefühlen und einer inneren Distanz zur Luxemburger Straße gefahren. Nach dem Soundcheck saßen wir im Tourbus und unterhielten uns. Vor mir saß ein Typ meines Alters, knallrot gefärbte Haare, voller Ambitionen und doch irgendwie desillusioniert. Er schien das, was er tat durchaus ernst zu nehmen und auch wenn alles höflich und distanziert-professionell blieb, hatte ich keinen allzu schlechten Eindruck von ihm. Die anderen Typen der Band fand ich allerdings netter, die gaben aber damals keine Interviews. Scott war der Star.

Ich habe dann immer mal wieder was von den Pilots und von Scott gelesen. Er hatte ein Leben, das von Prügeleien, Knastaufenthalten, Bandwechseln, Drogendelikten und familiären Auseinandersetzungen nur so wimmelte. Der Typ war schon 1993 heroinabhängig. Diese und andere Drogen haben aus einem extrovertierten, psychisch labilen „Künstler“ einen paranoiden Zombie gemacht. Scott Weilands zweite Frau war Mary Forsberg. Sie hatte nach einem Streit im Jahre 2008 seine Klamotten im Garten ihres gemeinsamen Hauses einfach abgefackelt. Auch das hatte ich gelesen und als Pseudo-Tragödie eines kaputten Rockstars nicht weiter zur Kenntnis genommen. Es war jene Mary Forsberg, die kurz nach dem Tod ihres Ex-Mannes und Vaters ihrer beiden Kinder einen offenen Brief mit Hilfe von Noah, 15 und Lucy, 13 verfasste.

„Wir lesen schreckliche Live-Rezensionen, schauen uns Videos von Künstlern an, die am Boden sind, die nicht mal mehr in der Lage sind, ihre eigenen Texte vom Teleprompter abzulesen, der direkt vor ihnen steht. Und dann klicken wir auf ‘In den Warenkorb legen´, denn was eigentlich in eine Klinik gehört, wird inzwischen als Kunst betrachtet.“

Ich muss zugeben, das hat gesessen, weil es genau das Muster jenes Skandal-Chronik-Sell-Outs ist, der immer noch funktioniert. Ohne nachzudenken hatte auch ich all jene Storys zur Unterhaltung gelesen. Das eigentliche Schicksal sah ich nicht und davon handelt dieser offene Brief.

„Was keiner von Euch wahrhaben will – wir reden hier über einen paranoiden Mann, (…) der sich in 15 Jahren Vaterschaft nur ein paar Mal mit seiner Familie hat fotografieren lassen. (…) Auch nachdem Scott und ich geschieden waren, habe ich zahllose Stunden damit verbracht seine paranoiden Stimmungen zu beruhigen, habe ihn in die Dusche geschoben, ihn mit Kaffee abgefüllt, damit ich ihn zu Noahs Talentprobe oder Lucys Musical mitnehmen konnte. Alles nur, um den Kids wenigstens das Gefühl von Normalität mit ihren Vater zu geben. Mehr ging nicht, dann wurde es für alle Beteiligten unangenehm.“

Diese Familiengeschichte wird immer schlimmer. Scott Weiland hatte eine neue Beziehung. Als er zum dritten Mal heiratete, ersetze er die Kinder. „Seine eigenen waren nicht mal mehr zur Hochzeit eingeladen“, schreibt Mary Forsberg. „Ich schreibe das hier alles nicht, um ein Urteil zu sprechen. Ich schreibe das, weil jeder von euch ein Kind kennt, das so einen Rucksack trägt. Wenn das so ist, dann nehmt es zu Schulveranstaltungen mit oder bringt ihm das Fußballspielen bei. Auch der mutigste kleine Junge und das mutigste kleine Mädchen werden irgendwann aufhören zu fragen. Vielleicht weil sie sich schämen, vielleicht aber auch, weil sie einfach nicht stören wollen. Bietet an, dass sie mitkommen sollen oder noch besser: Besteht darauf.“

Am Ende ihres offenen Briefes steht der Wunsch, dass dieses eine Mal nicht die Tragöde des Rock´n Roll und der Dämonen im Vordergrund stehen mögen. „Unsere Hoffnung für Scott ist gestorben. Aber es gibt Hoffnung für andere. Kauft bitte kein deprimierendes 1967-2015 T-Shirt, nehmt für das Geld lieber ein Kind mit zum Fußball oder spendiert eine Runde Eis.“

Was wir vom Tod eines Rockstars über das Familienleben lernen können?

Das, was John Niven ziemlich am Ende von Straight White Male schreibt: Man muss einfach nur da sein. Und das lieber einmal mehr als einmal weniger. (Meint: Kein Übervater, Förderer, Kisuaheli-Coach oder Drachenflug-Weltmeister sein. Einfach nur da sein, gerade wenn es darauf ankommt und das ist im Alltag.)

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Der Autor Thomas "PapaDoc" Guntermann ist gleichzeitig der Namensgeber unserer Kommunikationsagentur, in der wir eigentlich alle zusammenarbeiten. Er gehört zum Gründungsteam dieses Blogs, ist Stammautor und lebt mit seiner Frau und Sohn im beschaulichen Kölner Vorort Hürth (Buuuh).

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