Familie statt Fußball in der Ferne – Kevin Kurányi im Interview

Auch wenn er null Komma gar nicht zu meinen Fußball-Sympathien passt, habe ich Kevin Kurányi (35) immer gemocht. Er ist für mich wie Coldplay. Die mag ich auch, sage das aber nicht laut. Zeit, sich zu bekennen, denn Kevin Kurányi ist Stürmer.

Kevin_Kuranyi_2016

Foto: Екатерина Лаут

Er spielte beim VfB Stuttgart, bei Schalke und gehörte fünf Jahre lang zum Kader der Nationalmannschaft. Sein Job war, vorne rumzulungern und immer da zu sein, wenn der Ball auch dahin kommt. Also vorne halt. Und Kevin Kurányi konnte das. Ich fand gut, wie er das machte. Kein übergroßer Techniker, aber ein solider Scorer. Er trug seine Haarschnitte und seinen Bart als Schmuck, wirkte immer etwas arrogant, war in Interviews manchmal unbeholfen, auf dem Platz aber selbstbewusst. In Interviews manchmal auch. Legendär war dieses „Gespräch“ kurz vor dem Wechsel zu Schalke.

Da steht der Prototyp eines Fußballer-Stereotyps – könnte man meinen. Denn er ist Brasilianer. Und wie wir klischeemäßig wissen, können Brasilianer alle gut Fußball spielen. Ich weiß nicht mehr genau, seit wann ich seinen Karriereweg näher verfolgte, aber irgendwann las ich, dass er mitnichten „nur“ Brasilianer ist. Genau genommen ist er der Sohn eines Deutschen ungarischer Herkunft und einer Panamaerin und lebte bis 1997 in Rio de Janeiro. Da sein Vater im Südwesten Deutschlands aufgewachsen ist, brachte er seinen talentierten Sohn bei der Jugendabteilung des VfB Stuttgart unter. Das war Anfang 2000. Er schaffte den Sprung zu den Profis, spielte vier Jahre dort und ging dann zu Schalke. 2007 heiratete er seine langjährige Freundin und gründete eine Familie.


Wie viele Kinder haben Sie?

Zwei, einen Sohn und eine Tochter.

Was für ein Vater sind Sie?

Ein cooler, hoffe ich :-). Ich versuche ein Freund zu sein, wenn es möglich ist – und streng zu sein, wenn es nötig ist.

Welche Rolle sollten Väter in einer Familie spielen?

Sie sollten ein Vorbild sein in ihrem Handeln.

 


Es gab einen Moment, den 11.Oktober 2008, an dem sich Kevin Kuranyi in den Augen von Bundestrainer Jogi Löw alles andere als vorbildlich verhielt. Nachdem er bei der EM 2008 noch fester Bestandteil des Kaders gewesen war und im Finale gegen Spanien noch eingewechselt wurde, saß er beim anschließenden WM-Qualifikationsspiel gegen Russland kaugummikauend und mit den Füßen auf den Vordersitzen frustriert auf der Tribüne. Noch vor Ende der zweiten Hälfte fuhr er nach Hause. Alleine. Der Bundestrainer hat ihm das nie verziehen, die Presse hatte einen Sündenbock und irgendwie haben das alle ganz gerne so in Deutschland. Ich schätze mal, dass sich Kevin dabei nicht wirklich soooo viel gedacht hat. War wahrscheinlich nicht seine beste Idee, kann man aber auch verstehen – wenn man will. Jogi Löw wollte nicht. Kevin ging nach Russland und spielte fünf Jahre lang, bis 2015, für FK Dynamo Moskau und das erfolgreich. Für Familie Kuranyi bedeutet das größere Veränderungen….


Welche Erfahrungen haben Sie aus Russland mitgebracht?

Dass Winter noch richtig kalt sein können. Im Ernst. Das hat uns als Familie zunächst einmal noch enger zusammengeschweißt. Und als wir uns akklimatisiert hatten, hat es dazu geführt, dass meine Kinder noch weltoffener geworden sind.

War ihre Familie die ganze Zeit mit Ihnen in Russland?

Ja, vom ersten bis zum letzten Tag. Nur wenn ich selbst einmal wochenlang in Trainingslagern war, sind sie ab und zu nach Deutschland geflogen, sofern es Kindergarten oder Schule zugelassen haben.

Diego Simeone, der argentinische Trainer von Atletico Madrid, nimmt per iPad am Familienessen in Argentinien teil, war bei 11 Freunde zu lesen. Das klingt skurril und aus Sicht eines Familienmenschen ganz wunderbar zugleich. Haben Sie von unterwegs Versuche unternommen, um am Familienleben teilnehmen zu können?

Ganz so krass wie Diego Simeone nicht. Aber natürlich habe ich oft auch per Skype Kontakt mit meiner Familie aufgenommen. Die Technik hat es natürlich ein wenig leichter gemacht, wenn wir mal wieder ein paar Tage getrennt waren.

Es ist in Deutschland immer noch so, dass Frauen beruflich benachteiligt werden, für gleiche Tätigkeiten weniger verdienen. Einer der Gründe ist die Mutterschaft, die gerne zum Karrierenachteil wird. Was denken Sie darüber?

Ich bin da ein schlechtes Beispiel. Weil ich als Fußballprofi noch viel mehr als viele andere berufstätige Väter darauf angewiesen war, dass meine Frau sich viel um die Kinder kümmert. Ich versuche das jetzt wieder ein wenig gut zu machen. Prinzipiell bin ich natürlich der Meinung, dass eine Mutterschaft kein Karrierenachteil sein darf. Aber ich fürchte, das wird noch eine Weile so bleiben, denn solche Dinge entwickeln sich sehr langsam.

Wir sprechen gerade viel über aktive Vaterschaft, also dass Väter sich familiär mehr engagieren. Das bedeutet auch, dass die alte Geschichte mit dem Spruch „Das ist Frauensache“ in den Papierkorb gehört. Was denken Sie darüber?

Das stimmt. Die Dinge sind mitten im Wandel. Und das ist auch gut so.


Seine letzte Station als Profi absolvierte er bei der TSG Hoffenheim. „A sort of homecoming“ würden U2 es nennen. Nach Hoffenheim hörte „der Blinde“ (Fans, Kritiker & Kuranyi über Kuranyi) auf mit dem Profisport. In seinem wunderbaren Abschiedsbrief schreibt er dazu etwas sehr Schönes:

 „Es ist nach all den Jahren mindestens genauso schön, nicht mehr dieses durchgetaktete, fremdbestimmte Leben eines Profis zu haben. Ein Leben zwischen Trainingsplatz, Flugzeug und Hotelzimmer. Und es ist noch viel schöner, dauerhaft das Familienleben genießen zu können – an Geburtstagen zu Hause zu sein, am Wochenende etwas mit den Kindern unternehmen zu können. 

Ich gestehe: Wahrscheinlich wäre ich noch immer Profi, wenn es in den letzten Monaten geklappt hätte, mit einem Engagement. Doch ich war bei der Suche sehr anspruchsvoll. Nicht was das Finanzielle betrifft. Sondern, was das sportliche Projekt und die Entfernung zu Stuttgart anbelangt. Ich bin meiner Familie zuliebe 2015 nach Deutschland zurückgekehrt. Meine Kinder sollten endlich richtig Wurzeln schlagen können und nicht dauernd aus ihrem Umfeld herausgerissen werden. Und ich selbst war nicht bereit, allzu weit von meiner Familie zu sein, wollte nicht allzu weit weg von Stuttgart. Das hat die Suche nach einem neuen Verein schon sehr eingeschränkt. Dennoch gab es die eine oder andere Möglichkeit und Verhandlung – am Ende hat sich aber alles zerschlagen. Und die finanziell verlockenden Angebote aus Russland, Brasilien, Katar, China usw. kamen für mich kategorisch nicht in Betracht.“


Was bedeutet es für Kinder, wenn sie immer wieder aus ihrem Umfeld gerissen werden?

Für Kinder ist das viel schlimmer als für Erwachsene. Aber wenn man Fußballprofi ist, gehört so etwas leider dazu. Es sei denn, man lässt die Familie an einem fixen Ort. Dann ist man als Vater jedoch fast nie zu Hause – das ist also auch keine besonders gute Alternative.

Wie sind sie damit umgegangen?

Ich habe versucht, so selten wie möglich zu wechseln – und habe es meinen Kindern immer so gut es geht erklärt. Und ich habe mich dazu entschieden, keine weiteren Angebote aus der Ferne mehr anzunehmen und lieber meine Kariere zu beenden, als meine Kinder, die gerade in meiner Heimat Stuttgart Wurzeln schlagen, noch einmal herauszureißen.

Brasilien oder China, andere Kulturkreise – das wäre doch für ihre Kinder eine wichtige Erfahrung gewesen?

Es hätte jedoch in keinem Verhältnis dazu gestanden, dass sie wieder aus ihrem Umfeld herausgerissen werden. Außerdem hat unsere Familie Wurzeln in Kroatien, Montenegro, Panama, Brasilien und Deutschland. Wir sind auch regelmäßig in diesen Ländern. Deshalb denke ich, sie haben schon überdurchschnittlich viel Erfahrung mit anderen Kulturkreisen. Zumal sie auch die Russlanderfahrung haben.

Und wie geht es weiter? (aus dem Abschiedsbrief)

Ich will dem Fußball erhalten bleiben und meine Erfahrungen weitergeben. Ein paar wertvolle Tipps hätte ich für junge Fußballer ja auf Lager. Zum Beispiel bei Länderspielen bis auf den Schlusspfiff zu warten, bevor man das Stadion verlässt. Oder zum Reporter am Spielfeldrand nicht sagen: „Auf so eine Scheißfrage antworte ich nicht.“

Wobei: Mein Sohn hat mit dem YouTube-Video immer einen Riesenspaß ;-).

 

Vielen Dank für das Gespräch!


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PapaDoc

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Der Autor Thomas "PapaDoc" Guntermann ist gleichzeitig der Namensgeber unserer Kommunikationsagentur, in der wir eigentlich alle zusammenarbeiten. Er gehört zum Gründungsteam dieses Blogs, ist Stammautor und lebt mit seiner Frau und Sohn im beschaulichen Kölner Vorort Hürth (Buuuh).

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