Helikopter am Horizont: Wenn Eltern den Unterricht stören

Die Schillerschule in Bad Cannstatt ist in den letzten Tagen in den Fokus der Medien geraten. Der Grund: ein Brandbrief des Schulleiters. Dieser richtet sich jedoch nicht etwa an Schüler, die sich nicht benehmen können, sondern an deren „Helikopter-Eltern“. Der Grundschulleiter Ralf Hermann prangert an, dass die Eltern zunehmend Schwierigkeiten damit hätten, loszulassen. „So erleben wir täglich, wie viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zur Schule bringen, verkehrswidrig und häufig gefährlich an der Kreuzung vor dem Haupteingang der Schule parken, Kind und Schulranzen ausladen, den Ranzen teilweise bis ins Klassenzimmer tragen, dem Sohn oder der Tochter die Jacke abnehmen, helfen die Hausschuhe anzuziehen und dann noch die Gelegenheit nützen, die unterschiedlichsten Dinge mit der Klassenlehrerin zu besprechen. Und all dies nicht selten nach Beginn des Unterrichts um 7.45 Uhr“, zitiert die Stuttgarter Zeitung aus seinem Brief.

Albert_WunschWir haben die Geschichte zum Anlass genommen, Dr. Albert Wunsch zu überfürsorglichen Eltern und verwöhnten Kindern zu befragen. Der Psychologe und Erziehungswissenschaftler ist Autor des Bestsellers „Die Verwöhnungsfalle“ (Partner-Link), in dem er für eine Erziehung zu mehr Eigenverantwortlichkeit plädiert. Seine teils provokanten Thesen polarisieren seit über 15 Jahren und das gefällt uns – obwohl wir seine Ansichten nicht immer teilen.

 


Herr Dr. Wunsch, wie bewerten Sie aus die Ereignisse in Bad Cannstatt?

Die Geschehnisse von Bad Cannstatt sind heute allgegenwärtig. Schon vor Jahren fand ich am Gittertor einer Schule in Tannhausen ein Verbots-Schild mit der Aufschrift: „Elternfreie Zone“, um so die überbesorgten Schulranzen-tragenden Mütter (und Väter) aus den Klassenräumen raus zu halten. Eine Untersuchung unter den von Eltern bis vors Schultor chauffierten Kinder ergab, dass ca. 30% davon einen Schulweg von unter 800 Metern hatten. Manche Eltern scheinen das Herrichten des Lernplatzes im Klassenzimmer für Sohn oder Tochter so lange hinauszuzögern, bis sie anstelle der Kinder auch noch die erste Frage im anstehenden Fach beantworten können. Ergänzend sind viele Eltern auch bemüht, die speziellen Eigenheiten und Vorlieben ihrer kleinen Prinzen bzw. Prinzessinnen den Lehrkräften so nahezubringen, damit diese möglichst nahtlos das elterlichen Verwöhn- und Unterforderungs-Programm fortsetzen können. Der Schulleiter der Schillerschule hat nur medienwirksamer verdeutlich, was heute täglich zu beobachten ist.

Wir schreiben aus der Vaterperspektive übers Elterndasein. Sind aus Ihrer Erfahrung wir Männer die schlimmeren Verwöhner oder sind es doch die Mütter?
Nach meiner Einschätzung bestreiten die Mütter den Hauptteil der Verwöhnung, schon alleine deshalb, weil sie den Hauptteil der Erziehungsleistung erbringen. Väter kippen erfahrungsgemäß beim Augenklimpern von Töchtern eher weg. Auch getrennt lebende Väter tendieren viel eher zu Verwöhnaktionen, vor allem dann, wenn der Umgang mit der Ex-Ehefrau strittig ist. Einerseits deshalb, um das eigene Kind emotional an sich zu binden, andererseits, um der Ex eins auszuwischen.

Ich ertappe mich auch immer wieder dabei, wie ich in den Helikopter steige – entweder, weil ich meinem Kind etwas Gutes tun möchte oder ihm Dinge abnehme, die es eigentlich auch schon selbst erledigen könnte. Gibt es Strategien, um den Mittelweg zwischen „fördern und fordern“ nicht zu verlassen?
Wenn wir uns noch mal deutlich in den Kopf holen, dass im Leben mit unterschiedlichsten Konflikten und Herausforderungen zu rechnen ist, müsste allen ‚Ich-meine-es-ja-nur-gut-Eltern’ deutlich werden, dass ein Leben im Schongang keine geeignete Lebensvorbereitung ist. Denn auch heute noch gilt die Erfahrung, dass der Schweiß vor dem Erfolg kommt. Wenn also Eltern, Erziehungskräfte im Kindergarten und Lehrkräfte in den Schulen Kinder daran hindern, sich anzustrengen, eigene Ideen zu entwickeln, etwas auszuhalten, über längere Zeit an einer Aufgabe dran zu bleiben, dann vereiteln diese gezielt den Lebenserfolg der nachwachsenden Generation.
Denn die Sorge, dass Kinder irgendeine Belastung nicht tragen könnten, schirmt diese dann von ganz normalen täglichen Herausforderungen ab. Das fängt damit an, dass die Kinder mit dem Auto zur Schule gefahren werden, Mütter oder Väter als Lastesel den Schulranzen tragen, bei kleinstem Unwohlsein eine Entschuldigung schreiben und bei den schulischen Hausaufgabe überproportional geholfen wird. Einerseits wollen die Eltern, dass ihre Kinder zu eigenständigen Persönlichkeiten heranwachsen und andererseits vermasseln sie dem Nachwuchs die Chance, sich wirklich zu einer durch Ich-Stärke und Verantwortungsbewusstsein geprägten Person entwickeln zu können. Die Lebensregel ist recht einfach: Kraft ist das Ergebnis von – oft auch mühevollem – Trainieren, Frustrations-Toleranz entwickelt sich, wenn es nicht immer nach der eigenen Nase geht, wichtige Ziele erreicht man durch Dranbleiben und der Fähigkeit, aktuell auftauchende Bedürfnisse hinten anstellen zu können.

Das konträre Extrem zur Überbehütung sind ja Eltern, die sich viel zu wenig um ihre Kinder kümmern – ist das nicht ein viel größeres Problem als das Verwöhnen?
Ich weiß nicht, ob wir bei vergleichbaren – nicht der Lebensvorbereitung dienenden – Verhaltensweisen mit einer solchen Frage weiterkommen. Beides ist nicht am Wohl des Kindes orientiert. Außerdem ist die Verwöhnung auch eine Art von Verwahrlosung, dann halt im Glitzerlook. Die eigene Angst zu meinen, dem Kind könnte etwas passieren, verhindert die Entstehung von Selbstwirksamkeit und Eigenständigkeit. Materielle Verwöhnung geht meist mit einer reduzierten Beziehungsbereitschaft einher. Um also klar und förderlich mit Kindern umgehen zu können, brauchen die meisten Eltern auch ein geeignetes ‚Handwerkszeug’ im Umgang mit dem Nachwuchs und ein stabileres Rückgrat, um nicht in Konflikten wegzukippen, wie ich dies in dem Buch: ‚Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeit’ recht ausführlich beschreibe.

In Ihren Publikationen geben Sie recht konkrete Anweisungen und Ratschläge, wie sich Eltern zu verhalten haben. Andererseits schreiben sie, Erziehung habe sich immer am einzelnen Kind auszurichten. Gibt es überhaupt den einen, „richtigen“ Erziehungsweg, der für alle gleich ist?
Es gibt recht eindeutige Regeln, an denen sich Eltern orientieren können. Dies steht nicht im Widerspruch, sich gleichzeitig am Kind zu orientieren. So geht es heute nicht ohne soziales Engagement und Handlungs-Kompetenz. Auch der Umgang mit Konflikten – und noch mehr, die Fähigkeit, Konflikte gar nicht entstehen zu lassen – ist zu erlernen. Ebenfalls wird ohne Verantwortungs- und Konsequenz-Erfahrungen unser Zusammenleben – erst recht unsere Wirtschaft – nicht funktionieren. Dies dürfte wohl allen klar sein. In welchem Umfang und in welcher Ausgeprägtheit dass auf dieses oder jenes Kind zutrifft, hat sich an seinen Fähigkeiten und Zielvorstellungen zu orientieren. Ja, Eltern haben stellvertretend für ihre Kinder – besonders in den ersten Lebensjahren – wichtige Vorentscheidungen zu treffen. Dazu brauchen Sie klare Anhaltpunkte, um mit Fähigkeit ihre Erziehung ausüben zu können. Der Umgang mit den Kindern ist durch gegenseitige Achtsamkeit und Respekt geprägt. Und auf das Jugendalter bezogen sollten Eltern so stabil und erwachsen sein, dass sie bei Konflikten nicht wegkippen. Auch sollte Eltern klar sein, dass sie ihre Kinder nicht zu Freunden oder Freundinnen machen.

Sie sprechen sich gegen zu teure Weihnachtsgeschenke aus, sehen die Nutzung von Smartphones, Internet und TV kritisch, ja sogar Süßigkeiten sind nicht Ihre Freunde. Sind Sie eine Spaßbremse?
Geschenke aller Art sollten in erster Linie Freude bereiten. Und das Schenken am Weihnachtsfest entspringt der Freude über die Geburt Christi vor ca. 2000 Jahren. Wer dies – aus welchen Gründen auch immer – ausblendet, sollte konsequenterweise für eine möglicherweise geplante Konsum-Orgie ein anderes Datum nutzen. Da heute viele Menschen mehr Geld als Zeit zu haben scheinen, wird die Höhe des Geschenke-Berges oft zum Ausdruck nicht eingebrachter Beziehungszeit. Wenn es dennoch um die finanzielle Höhe gehen sollte, dürften Geschenke zwischen 30,- und 90,- Euro – je nach Einkommensverhältnissen – ein Richtmaß sein. Süßigkeiten gehören irgendwie zum Weihnachtsfest dazu. Aber auch dabei sollte nicht ausgeblendet werden: Zu zuckerhaltig und zuviel schadet immer. Schließlich bringen schon über 25% der Erstklässler reichlich zu viele Pfunde auf die Wage mit in den Schulstart. Und als rheinische Frohnatur weiß ich, dass die Beendigung eines vorherigen Mangels die größte Freude auslöst. Weshalb also sollten sich Menschen auf dem Hintergrund dieser uralten Erfahrung mit einem schalen Spaß begnügen?


 

Cover_VerwöhnungDr. Albert Wunsch ist Psychologe und promovierter Erziehungswissenschaftler, Diplom Pädagoge, Diplom Sozialpädagoge. Bevor er 2004 eine Lehrtätigkeit an der Katholischen Hochschule NRW in Köln (Bereich Sozialwesen) begann, leitete er ca. 25 Jahre das Katholische Jugendamt in Neuss. Im Jahre 2013 begann er eine hauptamtliche Lehrtätigkeit an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss. Außerdem hat er seit vielen Jahren einen Lehrauftrag an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Er ist Vater von 2 Söhnen und Großvater von 3 Enkeltöchtern.

Seine Bücher: Die Verwöhnungsfalle (auch in Korea und China erschienen), Abschied von der Spaßpädagogik, Boxenstopp für Paare und: Mit mehr Selbst zum stabilen ICH – Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung, lösten ein starkes Medienecho aus machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.
Weitere Infos: www.albert-wunsch.de

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Lempi

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Der Autor Thomas "Lempi" Lemken ist Papa von zwei Töchtern. Das bedeutet: Als einziger von uns lebt er mit gleich drei Frauen unter einem Dach. Neben seiner Funktion als Leithammel, ist er Gründungsmitglied, Stammautor und Lektor unseres Blogs.

4 Antworten

  1. Lars sagt:

    Ich finde die Ansätze im Interview eigentlich ganz vernünftig . Ich habe selbst schon ein mehrwöchiges Praktikum in einer Grundschule hinter mir und konnte dort gut beobachten, wie die meisten Eltern ihre Kinder in den SUVs bis an die Schulhofgrenze gefahren und dort auch wieder abgeholt haben. Die Schulranzen haben sie die Kinder aber dann doch selbst bis in die Klasse tragen lassen . Vielleicht ist dieses überbeschützende Verhalten in der heutigen Zeit ja auch verständlich und da ich noch keine Kinder habe, möchte ich dies auch gar nicht kritisieren. Ich kenne es aber halt noch aus meiner eigenen Kindheit, dass wir alle eigenständig zur Schule gefahren sind, wenn auch zusammen, und es mir keinen Spaß gemacht hätte, für den kurzen Weg von meinen Eltern hinkutschiert zu werden.

  2. Jeanette Zeltner via Facebook sagt:

    Klasse! Der erste Artikel über „Helikopter-Eltern“ den ich lese, der deutlich differenziert zwischen jenen, die sich viel mit ihren Kindern beschäftigen und jenen, die sie tatsächlich ungesund verwöhnen.
    Ich hatte bislang das gedankliche Problem, dass man alle Eltern, die ihre Kinder zum Lebensmittelpunkt erklärten, in die Helikopter-Schublade steckte und ihnen damit das Etikett „nicht gut“ gab.
    Ich finde es aber nur natürlich, dass Kinder zum Mittelpunkt des Lebens werden, wenn man sie bekommt. Verwerflich finde ich das ganz und gar nicht- schliesslich lieben wir sie über alles.
    Der Artikel definiert aber wirklich sehr schön, was Kindern schadet- nämlich nicht, sie zum Mittelpunkt zu machen, sondern so zu tun als ob.
    Wer seinem Kind den Ranzen bis ins Klassenzimmer trägt sollte sich fragen: Tu ich das für mein Kind, oder für mein eigenes Gewissen?
    Meine Hirnwindungen konnten jedenfalls Dank diesem Artikel endlich ihren Frieden schliessen mit dem Begriff der Heli-Eltern! Danke dafür!

  3. Jürgen Bolz via Facebook sagt:

    Wie bei allem gilt: Maß halten. Ich sag’s immer wieder.

  4. Ursula Lemken via Facebook sagt:

    TOP!!!!!

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