Angst: der beste Freund des Mannes

 

Angst

Als vor zwei Wochen St. Martin sein Unwesen in unserer beschaulichen Kita trieb, hatte das Kind trotz sorgfältiger Vorablektüre christlich-historischer Heiligenliteratur die blanke Angst in den Augen. Für den großen Mann in purpurnem Mantel und goldenem Helm hatte sie nur eines übrig: Panik!

Als ich am nächsten Tag vom Martins-Schocker im Büro berichtete, wurde schnell klar: Wir alle tragen bis heute unverarbeitete Traumata in uns. Wir wollen diesen Ängsten offensiv begegnen und präsentieren im Folgenden daher als erste Therapiesitzung Kindheitsmomente, die uns bis heute das Blut in den Adern gefrieren lassen.

PapaDoc: Grenzerfahrungen
Ich bin ja vom Land. Genau genommen aus einem winzigen Ort mit weniger als 400 Seelen. Dieser wirklich grandiose Hotspot war vor etwa 40 Jahren Austragungsort einer der erbittertsten Schlachten, die ich je erlebt habe. Es ging um den Bau einer Talsperre, die dem kleinen Dorf das Leben gekostet hätte. Um sich gegen die wenig sensibel vorgehenden „Eindringlinge“ zu schützen, hatte ein ortsansässiger Unternehmer sein Grundstück mit einer dicken gelben Linie umrandet. „Wer darüber auf mein Grundstück tritt, wird erschossen“, soll der Besitzer gesagt haben. So will es die Legende. Den gelben Pinselstrich gab es wirklich.

Er verlief durch Stapel von gelagertem Holz, in denen sich vortrefflich spielen ließ. Eines Nachmittags, ich war im strategischen Versteckspiel vertieft, blickte ich an meinen Sandalen vorbei zu Boden und was ich sah, jagte mir den Angstschweiß auf die Stirn und ließ mich erstarrt vor lähmender Angst nach Luft ringen. Ich hatte die Linie überquert und rechnete sekündlich mit meiner Hinrichtung.

Nie zuvor und nie wieder habe ich physisch erlebt, wie lähmend pure Angst sein kann. Ich meide übrigens Psycho-Schocker, Thriller und sonstige adrenalin-ausschüttende Aktivitäten bis zum heutigen Tage gewissenhaft.


DaddyDavud: Unendliche Angst, dank unendlicher Geschichte
Ich liebe Filme und ich liebe das Kino. Dabei gibt es noch nicht mal ein spezielles Genre. Gut, klar – als richtiger Mann stehe ich natürlich auf Action, Thrill und Horror. Wenn die Erde also von mutierten Zombiepudeln oder lebendig gewordenen Robotertoastern bedroht wird, kaufe ich das Produkt! Das war in frühster Kindheit schon so. Damals hatten wir nur die drei öffentlich-rechtlichen Sender. Kabelfernsehen und somit das heiße Zeug gab es nur bei meinen Cousinen und Cousins in der Großstadt oder bei Schulfreunden. Jedes Mal also wenn wir mehrere Stunden Autofahrt auf uns nahmen, um meine Verwandtschaft zu besuchen, endeten mein Bruder und ich spätestens nach zwei Stunden – was absolut jedes Mal ausreichend Zeit war, die Barbies meiner Cousinen zu entstellen – vor der Glotze. Star Wars, James Bond, Batman … wir haben konsumiert, bis uns die Augen brannten. Einer meiner Lieblingsfilme war damals Die unendliche Geschichte. Zeitgleich bescherte mir der Film aber auch eines meiner größten Jugendtrauma: Gmork. Ein fieser, schwarzer Wolf, mit riesigen Reißzähnen und leuchtenden Augen, dem sich Atréju, der heldenhafte Indianerjunge stellen muss. Wenige Szenen vorher war sein treues Pferd Atrax im Sumpf gestorben. Mit Tränen in den Augen saß ich also zwischen den eddingbeschmierten Barbies meiner Cousine, als plötzlich dieses Biest aus seiner finsteren Höhle fauchte und seine grünen Augen funkeln ließ. Heiliger Jim Knopf, was hatte ich Schiss in der Buchse, als das Vieh vorstieß, um den mutigen Atréju zu attackieren. Noch viele Wochen lang sah ich nachts, wenn ich in meinem dunklen Zimmer lag, zwei leuchtende Augen, die mich fixierten.


Lempi: Höllenhund
Ich bin genauso ein Landei wie PapaDoc. Meinen Schulweg absolvierte ich mit dem Fahrrad und die attraktivste (weil berglose) Strecke führte geradewegs über den Hof eines benachbarten Landwirts. Kein Problem – wenn dieser nicht einen frei laufenden Wachhund sein Eigen genannte hätte, für den der Titel „Zerberus“ noch als Kosenamen durchgegangen wäre. Meine Taktik war einfach wie anstrengend: Vor der Hofüberquerung galt es, alles aus dem kleinen Drahtesel herauszuholen, um mit mindestens 30 km/h über den Hof zu sausen und schon wieder verschwunden zu sein, bevor der Höllenhund meine Anwesenheit überhaupt bemerkt hatte. Das funktionierte so weit auch gut – bis zu einem heißen Sommertag: Der aggressive Köter schien nur auf meine Ankunft gewartet zu haben und stand mitten auf der zu überquerenden Fläche. Mit einem gewagten Ausweichmanöver bei Höchstgeschwindigkeit gelang es mir zwar, den Wadenbeißer zu umfahren, aber er schaffte es trotzdem, meinen kleinen gelben Turnbeutel vom Gepäckträger zu schnappen. Nun schien der offene Konflikt unausweichlich. Ich tat das Unmögliche und hielt an. Wir standen uns Auge in Auge und mein Herz klopfte bis zum Hals. Dem feigen Hund schien es jedoch nicht viel besser zu gehen als mir. Zumindest zog er einem Kampf mit offenem Visier vor, seine frisch errungene Beute in die Sicherheit seines Zwingers (ja, den gab es; kein Plan, warum der nicht benutzt wurde!) zu bringen. Dank des sehr schnell wieder absinkenden Adrenalinpegels erschien es mir sinnvoll, nicht auf die sofortige Herausgabe meines Hab und Guts zu pochen (Sport war eh nie so mein Fall) und ich trollte mich genauso wie der Vierbeiner – nur eben ohne Turnbeutel.

Angst vor anderen Hunden hatte und habe ich übrigens trotzdem nie.


Babyvater: Der Teufel trägt Sandalen
Blicke ich heute auf meine Kindheitsängste, muss ich innerlich schmunzeln. Ich werde nie vergessen als meine Eltern den Film „Kampf der Titanen“ in den Blaupunkt VHS-Recorder einlegten. Nein, ich meine nicht den 3D-Mega-Schlag-Mich-Tot-Blockbuster, sondern den Originalfilm aus Anno ‘81.

Ich war damals fünf oder sechs Jahre alt. Gespickt mit griechischer Mythologie und hochmoderner Animationstechnologie à la Hollywood, hatte es der Film in die panhellenischen Herzen meiner Eltern geschafft. Meine Schwester und ich durften bzw. mussten uns das zu Zelluloid gewordene griechische Sandalenepos reinziehen. Ausgangspunkt meines Traumas war ein Figur namens Calibos. Zeus verwandelt ihn als Strafe für seine boshaften Taten in ein Wesen des Grauens. Für mich war es der leibhaftige Teufel. Da hatte der Animation-Godfather Ray Harryhausen ganze Arbeit geleistet. Die Betonung lautet auf „hatte“. Als ich 10 Jahre später einigen Freunden meinen Kindheitsalbtraum präsentierte, erntete ich lautes Lachen. Das war die Geburtsstunde meines heutigen Traumas.

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Lempi

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Der Autor Thomas "Lempi" Lemken ist Papa von zwei Töchtern. Das bedeutet: Als einziger von uns lebt er mit gleich drei Frauen unter einem Dach. Neben seiner Funktion als Leithammel, ist er Gründungsmitglied, Stammautor und Lektor unseres Blogs.

1 Reaktion

  1. Rene sagt:

    Großartiger Beitrag, der mich schlagartig an die Gorgs denken ließ, diese haarigen Ungetüme bei den „Fraggles“. Ich habe die Serie als Kind geliebt aber bei den Viechern hatte ich jedes Mal panische Angst und verkroch mich bei meinen Eltern 😀

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