Museum mit Kind? Warum ein New Yorker Graffitikünstler Theos Namen sprayt

Ehrlich, ich gehöre nicht zu den Bildungsbürgern wie mein Freund Jürgen aus Dortmund, der gedruckte Bücher mit in den Familienurlaub nach London nimmt und dessen erster Weg ihn in die Tate Gallery führt. Ich war auch schon zweimal in der Tate und besuche auch gerne mal Museen und Ausstellungen, aber so richtig hinterher bin ich da nicht. Meistens bekomme ich vom Schlendern und Rumstehen schneller Rückenschmerzen als dass der Digital Guide mich gefangen nehmen könnte.

Ein Großteil meiner geschlenderten Aktivitäten bezieht sich dann auf die Suche nach freien Sitzgelegenheiten. Die Zeit dort verbringe ich dann damit, den Digi-Guide so lange zu skippen, bis ich beim Bild angekommen bin, dass gerade vor meiner Bank hängt. Wenn ich dann entgegen der Masse zurückströme, hat sich das Guiden meist schon wieder erledigt und ich schaue mich einfach so ein wenig um.

Vor Jahren war ich mit meinem Freund, dem Fotografen Stefan Nimmesgern, hier in Köln, in einer sehr schönen Pop-Art-Ausstellung im Museum Ludwig. Das war richtig gut, weil er mir dieses ganze Ikonologie- und Ikonographie-Zeugs mal locker vorgequatscht hat. Außerdem sind wir, für meinen Geschmack, in einem genialen Tempo durch die Ausstellung gegangen: ziemlich schnell. Hier geguckt, da geguckt, das besprochen, dies interpretiert, wieder vor, wieder zurück. Ich hasse ja dieses angestrengte Rumgestehe vor Bildern, was wiederum zur musealen Atmosphäre beiträgt und mich grundsätzlich so stört wie andere Autofahrer auf der linken Spur. Aber jedem das Seine. Und mit Kindern zur Kunst, ist eh anders.

Basquiat Boom for real in der Kunsthalle Schirn

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PapaDoc mit HvB

Am Karfreitag haben wir uns auf den Weg nach Frankfurt gemacht, in die Kunsthalle Schirn, um eine vom Rolling Stone präsentierte Ausstellung des Street-Art Künstlers Jean-Michel Basquiat anzusehen. Ich bin ihm vor Jahren als Musikjournalist zum ersten Mal begegnet. Damals flatterte der Soundtrack eines Films über ihn in meiner Bochumer Studentenbude und ich begann, mich mit ihm zu beschäftigen.

Jean-Michel Basquiat gehörte zu den ersten Graffiti-Künstlern New Yorks, die es zu Ruhm und Ehre in der etablierten Kunstwelt schafften. Er sprayte und schrieb, skizzierte und malte auf allem, was XL war: Türrahmen, Türen, Leinwände und Häuserwänden. Damals, zu Post-Punk-Zeiten, hing er im Umfeld von Warhols Factory rum, arbeitete mit Keith Haring, Blondie und eben Warhol zusammen. 1982 schaffte er es zur Documenta nach Kassel, was eine echt neue Sache war damals.

Nun, das Leben des Jean-Michel Basquiat verlief aufregend und unvorhersehbar und schnell. So schnell, dass er – wie viele Genies vor ihm – die Lebenskerze an beiden Ende anzündete und 1988 mit fast 28 Jahren starb. Dabei hatte er bereits ein Ticket für den Flug nach Afrika gekauft, wo er sich von einem Schamanen von seiner Heroinsucht befreien lassen wollte.


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Ich rannte durch die Ausstellung, wie Jean-Michel Basquiat durch sein Leben

Am Ende von Boom For Real läuft ein Video mit Szenen aus dem Leben des Künstlers. Zwischen Musik*, Straßenszenen und Graffitiarbeiten lief der Protagonist durch eine Welt, die er sich mit seinen Mitteln zu erobern versuchte.

* Kid Creole & the Coconuts, die Anfang der 80er Jahre ein großes funky-exotisches karibisches Gangsta-Ding waren in der NYer Musikszene

„Der schreibt Theo Guntermann“, rief der Dicke von hinten in die andächtig auf die Leinwand blickende Runde. Wenn wer was irgendwo hinschreibt, dann seinen Namen. Alles andere macht für ihn auch gar keinen Sinn. Wir ernteten belustigte und gestörte Blicke, waren aber stolz und glücklich, dass kurz vor dem Ausgang auch der jüngste Besucher im Thema war. Er lachte, wenn mit Dosen Wände verziert wurden und als sich die Coconuts Backstage in ihre Bühenoutfit zwängten, lachte er auch. Auch ihr funkiger Sound gefiel ihm offensichtlich.

Vorher, auf dem Weg durch die tiefschwarzen Gänge, da hatte ich Mühe und Not, dem leicht ermüdeten, flitzenden Etwas Herr zu werden. Wir hechteten hin und her, durchkreuzten die hellen Gemälde-Säle in allen Richtungen und kletterten auf Podeste. Gut, das war verboten und als ich das Prinzip mit den weißen Linien vor den Bildern einmal erklärte, da klappte es auch. Einigermaßen. Also manchmal. Was nicht heißt, dass es ruhiger wurde. Unser Lauf durch die Ausstellung war ein Abbild des Lebens des Künstlers. Schnell, unstet und immer für Überraschungen gut.

Zwischendurch hörten wir etwas Rap, der an einer Stelle die Szenerie erfüllte und dann entdeckten wir Formen und Farben. Theo machte Gesichter und Haare aus und eben seinen Namen (weil der ja überall gesprayt wurde). Alles in allem waren wir in 20 Minuten wieder draußen. Selbst ich hätte mich sonst locker eine knappe Stunde dort beschäftigen können.

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Ist es also überflüssig, Kinder mit in eine Kunstausstellung zu nehmen?

Nein. Es ist so besser als gar nicht. Das Julchen und ich waren vier Jahre lang in keiner Ausstellung mehr und ich habe mit meiner Online-Buchung einfach mal Fakten geschaffen.

Die Schirn bietet für Ausstellungsbesucher übrigens auch eine Kinderbetreuung und noch viel mehr an, was für unseren Strategen allenfalls eine theoretische Option ist. Ich habe mir dann noch den Ausstellungskatalog gekauft, um die Sache von meiner gemütlichen Sofakuhle aus noch einmal nachzuarbeiten.

Boom For Real ist eine sehr gelungene und richtig gute Ausstellung. Nun sind mir Künstler und Kunst persönlich nahe, das macht den Zugang einfacher. Was und wie es gezeigt wird, ist beeindruckend.

Danach waren wir ein paar Pommes essen und sind noch ein wenig am Main, wie der Rhein in Frankfurt ja heißt, entlanggelaufen. Auf der Brücke rüber zur Frankfurter Schäl Sick musste der Dicke als Model für asiatische Touristen herhalten, was er zu meinem großen Erstaunen auch Spaghetti-rufend mitgemacht hat. Als wir dann nach längerem Marsch wieder an „Papas Audi“ waren, wurde es plötzlich sehr still auf den Sitzen der Leute, die eigentlich keinen Mittagsschlaf mehr machen wollen….

Die Basquiat-Ausstellung läuft noch bis zum 27.05. Tickets gibt es hier.

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PapaDoc

Der Autor Thomas "PapaDoc" Guntermann ist gleichzeitig der Namensgeber unserer Kommunikationsagentur, in der wir eigentlich alle zusammenarbeiten. Er gehört zum Gründungsteam dieses Blogs, ist Stammautor und lebt mit seiner Frau und Sohn im beschaulichen Kölner Vorort Hürth (Buuuh).

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