Über kulturelle Unterschiede und falsche Stereotypen – Interview mit Autorin Michaela Schonhöft

Erziehen Menschen aus afrikanischen oder asiatischen Kulturkreisen besser? Der Blick über den interkulturellen Tellerrand hilft. Uns half Michaela Schonhöft, Autorin des wunderbaren Buchs „Kindheiten: Wie kleine Menschen in anderen Ländern groß werden“ mit Einblicken und Ansichten.

 Haben Sie eine soziologische Erklärung für die niedrige Geburtenrate in Deutschland?

Viele Studien weisen darauf hin, dass das traditionelle Familienbild (der Vater als Hauptverdiener, die Mutter in Teilzeitarbeit) in Deutschland noch sehr verbreitet ist. Frauen mit Kinderwunsch sorgen sich, im Job starke Abstriche machen zu müssen, sobald ein Kind auf der Welt ist. Und diese Ängste sind alles andere als unbegründet. Nach der Elternzeit werden Mütter häufig auf andere Posten verschoben, stoßen schnell an die  sogenannte „maternal wall“. Ihnen wird weniger zugetraut, sie selbst trauen sich auch wenig zu. Das beobachten natürlich auch die Frauen, die noch keine Kinder haben. Der Kinderwunsch wird deshalb immer weiter nach hinten verschoben – oft klappt es dann nicht mehr. Kinder werden in Deutschland zudem häufig vor allem als Belastung gesehen. Kinderfeindlichkeit ist verbreitet.

Die soziologische Forschung beschränkt sich derzeit bezüglich der niedrigen Geburtenrate in Deutschland fast allerdings ausschließlich auf die Frauen. Was ist eigentlich mit den Männern? Männer mit oder ohne Kinderwunsch sind bisher noch viel zu selten Forschungsobjekte.

Kinderbetreuung, Ganztagsschulen, Work-Life-Balance, Ratgeber- und Informationsflut, Ansprüche und gesellschaftliche Erwartungen – das sind bei Männern und Frauen die Familienthemen der Zeit. Leben wir in einer Blase oder geht das andern auch so?

Das geht natürlich nicht nur uns so. Ganz besonders heftig wird in den USA und Großbritannien diskutiert, aber auch China. In den skandinavischen Ländern gab es die großen Erziehungsdebatten schon in den 60er und 70er Jahren. Man hat sich dort interessanterweise schon sehr früh auf eine gewaltfreie, gleichberechtigte Erziehung geeinigt. Das  geht im Elternhaus los, reicht über die Kita bis in die Schule – und zwar mit großem Erfolg. Überall dort, wo Gesellschaften starke Umbrüche erleben, beobachten wir heftige Diskussionen über den „richtigen“ Erziehungsstil, ganz besonders in sehr heterogenen Gesellschaften.

Nach alle dem, was Sie über Erziehung in verschiedenen Kulturen gelernt haben: Was ist die beste Erziehung?

Es gibt ganz bestimmt keine „beste“ Erziehung. Aber ich denke, der Blick über den Tellerrand hilft, seine eigenen Erziehungsvorstellungen immer mal wieder in Frage zu stellen. Wenn man bestimmte Dinge nur oft genug hört, nimmt man sie schnell für bare Münze. Das ist in der Erziehung fatal. Jedes Kind ist anders. Ich finde es aber sehr hilfreich, sich anderer Kulturen zu „bedienen“. Engländer zum Beispiel achten sehr auf Höflichkeit. Das empfinde ich als durchaus angenehm. In Japan wird sehr viel Wert auf die Entwicklung von Empathie gelegt. Man ist sehr sensibilisiert dafür, dem anderen nicht zu nahe zu treten, seine Beweggründe zu akzeptieren und die eigenen zu hinterfragen.

In Japan, aber auch in Korea zum Beispiel wird auch sehr viel Wert auf eine traditionell ausgewogene Ernährung gelegt. Dort findet man auch viel weniger spezielle Kindergerichte. Man ist sich zwar bewusst, dass vor allem kleine Kinder süße Speisen bevorzugen. Aber trotzdem versuchen Eltern ihren Kindern auch zunächst gewöhnungsbedürftige Gerichte mit Sojaquark und Kimchi (Kohlgericht) näherzubringen. Japanische Grundschullehrer essen zum Beispiel zusammen mit den Kindern und diskutieren Ernährungsgewohnheiten auch mit den Eltern. Das gehört derart selbstverständlich zum Erziehungsauftrag wie das Lesenlernen.

Japan, schreiben Sie, habe als Technologienation noch erzieherische Elemente von Naturvölkern. Welche Sind das und wie wirken die sich aus?

Mit dem Begriff „Erziehungsmethoden von Naturvölkern“ wäre ich vorsichtig. „Naturvölker“ erziehen sehr unterschiedlich und auch dort gibt es starke Traditionen, auch im Umgang mit Kindern.

Anders gefragt: Je tradierter die Gesellschaftsform, um so besser die Erziehung, kann man das so sagen?

Das würde ich auf keinen Fall so bestätigen. Traditionen gehören reflektiert. Wissenschaftliche Erkenntnisse haben sehr dazu beigetragen, dass unsere Kinder heute vielerorts freundlicher und respektvoller behandelt werden. Ja, einige Gesellschaften gehen traditionell sehr liebevoll mit ihren Kindern um. Da musste nicht zu sehr geschraubt werden. Da war eine gewisse Sensibilität ohnehin vorhanden.

Was an afrikanischen oder asiatischen Kulturen ist in ihren Augen bemerkenswert anders als bei uns

An vielen afrikanischen Kulturen (auch das ist natürlich schwer zu verallgemeinern) gefällt mir, dass Kinder langsam erwachsen werden können. Das heißt, sie dürfen und müssen oft schon sehr früh Verantwortung übernehmen. Sie wachsen langsam an ihren Aufgaben. Natürlich besteht dabei die Gefahr der Überforderung. Aber kleine Verantwortungen zu übernehmen wie täglich ein Tier zu füttern, das Geschirr vom Tisch räumen oder den Hof zu fegen, überlastet auch kleine Kinder nicht. In vielen westlichen Gesellschaften müssen Jugendliche mit 18 in kürzester Zeit erwachsen werden. Sie glauben dann auch, sie sind das schon, ohne je Verantwortung übernommen zu haben. Sie durften ja auch nicht.

Japan hat sich nach den Weltkriegen erstaunlich früh von abhärtenden Methoden in der Kindererziehung abgewannt und sich auf einen sehr zugewandten Umgang mit Kindern entschieden. Das sorgt unter anderem dafür, dass Kinder ihren Eltern sehr loyal gegenüber sind.

Wir schleppen ja auch noch diesen unsäglichen Mythos der Abhärtung mit uns rum, der so bitter das ist, ja seinen Ursprung in der Nazizeit hat.

In Deutschland hat es historisch bedingt sehr lange gedauert, bis Eltern von den Abhärtungsmethoden früherer Generationen abrückten. Und noch immer hört man den Satz „Lass ihn doch schreien“. Dass man ein Baby „verwöhnen“ könnte, darauf würden Eltern in den meisten Kulturkreisen nicht kommen. Babys schlafen in den meisten Kulturen bei oder sehr nahe bei den Eltern. Sie haben sehr viel Körperkontakt und werden verhätschelt soweit es eben möglich ist.

Bei uns ist Erziehung Privatsache. Gibt es Kulturen, wo sie öffentlicher ist?

Erziehung als Privatsache ist eher eine moderne Erscheinung. Sie ist besonders in den individualisierten, westlichen Gesellschaften zu beobachten. Vor wenigen Jahrzehnten war es auch in Deutschland noch recht normal, als Außenstehender „mitzuerziehen“. Das führte leider auch dazu, dass Lehrer ihre Schüler schlagen durften. Die Gesellschaft ist Kindern gegenüber sensibler geworden, Eingriffe von außen werden nur noch sehr selten toleriert. Das schützt Kinder natürlich auch. Allerdings bringt eine starke familiäre Abschottung Risiken mit sich. Es gilt als Eingeständnis von Schwäche, mit seinen Kindern nicht alleine klarzukommen. Dabei kann Unterstützung von außen massiv helfen, gibt Input. Den Kindern tut es in der Regel gut, zu lernen, mit unterschiedlichen Charakteren umzugehen. Der Ratschlag einer guten Freundin der Eltern wird von Jugendlichen manchmal lieber angenommen als von Papa oder Mama.

Kann man sagen: Je mehr mitmischen, umso besser ist das für alle?

Grundsätzlich ist es für ein Kind besser sich mit mehren Menschen auseinander setzen zu dürfen. Beim „gemeinsamen“ Erziehen würde ich allerdings stark den Unterstützungscharakter betonen und nicht das „Sich-Ein-Mischen“. Das ist in Deutschland sehr verbreitet und nicht besonders hilfreich.

Wir sind ein Blog, das keine Tipps gibt. Aber Ihnen wird diese Ehre als erste zuteil. Haben Sie einen Tipp für uns?Lassen Sie sich nicht verrückt machen von den Erziehungsvorschlägen anderer Leute und reflektieren Sie immer mal wieder die eigenen Ideologien. Erklären und Vorleben hilft besser als „erziehen“.

Michaela Schonhöft Buchs „Kindheiten“ - Ich Bin Dein Vater Blog

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Der Autor Thomas "PapaDoc" Guntermann ist gleichzeitig der Namensgeber unserer Kommunikationsagentur, in der wir eigentlich alle zusammenarbeiten. Er gehört zum Gründungsteam dieses Blogs, ist Stammautor und lebt mit seiner Frau und Sohn im beschaulichen Kölner Vorort Hürth (Buuuh).

1 Reaktion

  1. Ulrike Behl sagt:

    Danke für diesen Einblick und den Buchhinweis!

    Als mehrfache Aupair-Mama habe ich tagtäglich Gelegenheit, von anderen Kulturen zu lernen, wie man dort Kinder erzieht und mit ihnen lebt.

    Jedes unserer Aupairs kam aus einer anderen Nation und brachte so den Stil seiner Landes mit: Aus Russland, Nepal und China, aus Georgien, Armenien und Tschechien. Mal sehr traditionell-patriarchalisch geprägt, mal sehr einfach auf das wirklich Wesentliche begrenzt: Im nepalesischen Hochland kümmert sich die berufstätige Hausfrau und Mutter erst einmal um die 4 Ziegen, denn die geben Milch. Dann versorgt sie das kümmerliche Fleckchen Land, was ihrer Familie hoffentlich ein wenig Gemüse schenkt. Dann bäckt und wäscht und kocht und putzt und flickt sie. Achja… Die Kids! Die arbeiten mit, hüten das Vieh oder kochen für die Großfamilie. Erziehung? Findet nebenbei statt. Zeit sich Gedanken zu machen über Erziehungsstile? Na, wohl eher nicht…

    Manches erstaunte unsere Aupairs, z.B. wie intensiv wir in Deutschland mit Kindern diskutieren, argumentieren und debattieren. Und in diesem Punkt haben mich die Erzählungen meiner Aupairs schon oft auf den Boden der Vernunft zurückgeholt: Basisdemokratie hat einfach ihre Grenzen. Auch und gerade im Zusammenleben mit Kindern.

    Ulrike Behl
    Deutschlands einzige Coach für (werdende) Aupair-Mamas

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