Der urbane Jäger und Sammler

Auf der Jagd

Als ich das Büro verlasse, ist es bereits dunkel. Der Wind pfeift um die Hausecken und es ist kalt. Entschlossen ziehe ich den Reißverschluss meines Parkas bis unters Kinn. Meine Sinne sind geschärft, meine Muskeln angespannt. Ich bin bereit. Bewaffnet mit Bargeld, EC- und Kreditkarte setze ich mich in Bewegung. Mit einem routinierten Griff an die Brust versichere ich mich, dass mein Handy in meiner Jacke steckt. Die Jagd ist eröffnet.

Noch einmal entwischt es mir nicht. Noch einmal mit leeren Händen nach Hause kommen, ist keine Option. Heute erlege ich es – das Milchpulver!

Unsere Vorfahren waren Jäger und Sammler. Das steckt in unseren Genen. Das habe ich in der Projektwoche in der Grundschule gelernt. Und seit einiger Zeit versuche auch ich meinen inneren Jäger und Sammler wieder zum Leben zu erwecken. Doch ich jage nicht im Wald, nicht in der Natur. Mein Jagdrevier ist der Großstadtdschungel – genauer gesagt, die perfekt ausgeleuchtete, nach billigem Christina Aguilera-Parfum stinkende Vorhölle, genannt Drogeriemarkt.

Vor der Geburt meines Sohnes habe ich mir nicht besonders viel aus Drogeriemärkten gemacht. Ich hatte keine wirkliche Meinung zu ihnen. Das was der Elektronikmarkt für Männer ist, ist der Drogeriemarkt für Frauen. Ein absolutes Eldorado der Geldverbrennung!

Mein Aufenthalt hat nie länger als ein paar Minuten gedauert. Rein, Deo, Shampoo, Duschgel, Rasierschaum und alle acht Wochen Rasierklingen einpacken, und wieder raus. Wenn es hoch kam, habe ich mich in die Welt der unterschiedlichsten Power-, Super-, und Ultrareiniger vertieft – ich muss zugeben, dafür habe ich eine Schwäche – nicht aber wirklich für Drogeriemärkte. Seitdem der kleine Mann da ist, ist das anders. Ich kenne mittlerweile jeden Kölner Drogeriemarkt – egal ob links oder rechtsrheinisch. Ja, ihr lest richtig: In meiner Verzweiflung bin ich sogar auf die Schäl Sick gefahren. Für alle nicht Kölner, das ist die falsche Seite des Rheins. Oder anders ausgedrückt: Wenn du da rübermachst, dann ist die Kacke wirklich am dampfen.

Kurze Randnotiz: Ich bin kein wirklicher Kölner. Babyvater würde sagen, ich sei ein Immi. Das mit der Schäl Sick habe ich nur übernommen, weil man das hier wohl so macht, wenn man linkrheinisch wohnt. Keine Ahnung was das soll. Aber man soll sich ja seiner Kultur anpassen, sich integrieren. Das Einzige, was mich an der Schäl Sick stört, ist, das es ewig dauert, bis ich wieder Zuhause bin.

Aber zurück zur Jagd.

Die Neon ausgeleuchteten Fenster des Drogeriemarkts durchschneiden die Dunkelheit. Es ist kein warmes Licht, kein lockendes Licht. Die Schiebetüren gleiten auseinander und ich rausche wie Arnie als T-800 in den Markt. Mein mittlerweile geschulter Scannerblick checkt die Regale. Systematisch gehe ich die Reihen durch. Das alles im Bruchteil von Millisekunden. Müsliflocken, Biohirse und Buchfinkenhirne – völlig irrelevant. Ich suche was Bestimmtes. Das Lebenselixier des kleinen Mannes – sein Ambrosia. Mein Blick wandert weiter über die nahezu in militärischer Akribie aufgereihten Verpackungen, bis eine klaffenden Lücke die spalierstehenden Produktsoldaten zerreißt: KEINE PRE-NAHRUNG!

Im Augenwinkel nehme ich eine huschende Bewegung wahr. Ein weißer Kittel! Hinterher! Unerbittlich wie der Terminator stampfe auf die Drogeriefachverkäuferin zu und sage laut:

„Sind sie Sarah Connor?“.

„Wat?“ – wirft sie mir zurück. Ich bemerke meinen Fehler und nehme eine devote Haltung ein.

„Ich suche Pre-Nahrung. Haben Sie welche da?“

„Leider nein. Leider gar nicht!“ antwortet mir die nette Frau. „Sie war für gestern angekündigt, aber bei der Lieferung war nichts dabei. Nächste Woche Donnerstag wieder – vielleicht.“

Ich halte mich nicht lange mit ihrem geheuchelten Mitgefühl auf und setze meine Jagd fort. Wenn es sein muss, sogar bis der Sprit alle ist.

Im Auto rase ich nach Marsdorf – meine letzte Chance für heute. Da gibt es eine Drogerie und einen Babymarkt. Das Jagdgebiet erweitern. Das hat der Frühmensch auch schon getan – bis man wieder auf Mammuts stößt. Unweigerlich habe ich das bebrillte Gesicht meiner Grundschullehrerin vor Augen, während ich die noch gelbe Ampel mit Vollgas überfahre.

Wenn ich in der Drogerie scheitere, so habe ich vielleicht im Babymarkt Glück. Die sind primär auf Spielzeug und Zubehör spezialisiert. Es besteht also eine geringe Chance, dass dieses Jagdrevier noch unentdeckt ist.

Drei lausige Packungen lachen mich aus dem Regal an.

Daneben ein Zettel mit „ABGABE NUR IN HAUSHALTÜBLICHEN MENGEN!“

Wie Gollum werfe ich mich auf sie und presse sie an meine Brust. Als die Kassiererin sie über den Scanner zieht, beäuge ich sie mit knirschenden Zähnen, bereit meine Beute bis aufs Blut zu verteidigen. Wer weiß, was sie unter „haushaltsüblich“ versteht.

„Einen schönen Abend“, säuselt sie. „Mein Schaaaaatz“, zische ich und husche raus auf den Parkplatz.

Was bin ich stolz! Ich krame mein Handy hervor, mache ein Foto und schicke es an meine Frau. Auch Babyvater, PapaDoc und Lempi erhalten die Bildnachricht. Babyvater antwortet selbst mit einem Bild. Was ich da sehe, kann ich nicht glauben.

Jäger&Sammler

 

Der verdammte T-1000 ist ihm in die Fotofalle gegangen!

Zerknirscht knalle ich die Milchpackungen in den Kofferraum und brause nach Hause. Gefühlte sechs Stunden Stop-and-go-Verkehr erwarten mich, in denen ich mir ernsthaft Gedanken über meine Jagdstrategien machen werde!

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11 Antworten

  1. BNG sagt:

    Schäl Sick (rheinisch für „scheele/​falsche Seite“) ist ein im Rheinland heute noch geläufiger Ausdruck für die aus Sicht des Betrachters andere, das heißt „schlechte“ oder auch „falsche Seite“ des Rheins.

    Der Ausdruck Schäl Sick kommt vom kölschen Wort schäle für „blinzeln“, verwandt mit „schielen“ oder „scheel anblicken“. In früheren Zeiten, als es noch keine Dampfschifffahrt gab, wurden Kähne, sogenannte Treidelschiffe, von Pferden flussaufwärts gezogen (getreidelt). Die Tiere wurden dabei vom Sonnenlicht reflektierenden Wasser geblendet, sodass sie das andere Ufer nur „erblinzeln“ konnten. Um die Pferde vor Augenschäden durch die Sonneneinstrahlung zu schützen, legte man den Tieren auf der dem Wasser zugewandten Seite Scheuklappen an, wodurch diese die andere Rheinseite gar nicht mehr sehen konnten. Diese immer wieder gerne aufgegriffene Entstehungsgeschichte ist allerdings umstritten. Zum einen ist nicht nachgewiesen, dass Pferde von grellem Sonnenlicht geblendet werden, und zum anderen wäre davon nicht nur einseitig ein Auge betroffen, aus dem sich eine scheele Seite ableiten ließe.

  2. „Müsliflocken, Biohirse und Buchfinkenhirne…“ ich saß genau wie Anna in der S-Bahn und musste mehrmals laut lachen 🙂 Danke für den Beitrag!

  3. Das Kind liegt neben mir und schläft und ick muss ins Kissen beißen, um nicht laut loszulachen. Lg, Dajana

  4. Marisa sagt:

    Großartig! Nicht nur wegen der Jagd-Strategie, auch die Ausführungen über die Schäl Sick fand ich sehr amüsant. Habe auch mal zwei Jahre in Köln gewohnt. Linksrheinisch, versteht sich… Also verstanden habe ich es nicht, aber mitgemacht habe ich auch.

    In diesem Sinne, fröhliche Grüße von der falschen Rheinseite (Berlin),
    Marisa

    • DaddyDavud sagt:

      @Marisa Vielen Dank! Ich freue mich über das Lob, besonders, da es von einer Ex-Kölnerin kommt! Beste Grüße auf die erweiterte Schäl Sick! 😉

  5. Anna sagt:

    Hi, hi, hi – ich sitze in der Bahn und musste mehrfach laut lachen, als ich das hier gelesen habe – die schiefen Blicke der anderen Fahrgäste waren mir sicher! Aber ich konnte nicht anders: was für ein genialer Post!

    Nun weiß ich endlich, wie sich Männer so in Drogerien fühlen- auch wenn wir das Milchpulver-Problem nicht hatten!

    Danke für diesen Einblick!

  6. Vadder sagt:

    Da bin ich wirklich froh, dass meine Frau sich fürs stillen entschieden hat. Hier bei uns aufm Land wäre es auch wirklich nicht einfach immer was zu bekommen. Ausserdem musste ich so nachts nicht aufstehen wenn der kleine was trinken wollte. Jetzt ist er schon Brot. Aber Kind #2 kommt in 3 Monaten. Dann gehts wieder los. Hoffentlich wieder ohne jagen und sammeln.

    • DaddyDavud sagt:

      @Vadder Danke für deinen Comment! Erst Mal: Ich gratuliere zu Kind #2 und drücke die Daumen für die Geburt!

      Leider hat das Stillen bei uns nicht funktioniert. Aber wer weiß, vielleicht beim nächsten Kind!

      • Vadder sagt:

        Danke. Ich möchte noch korrigieren, das mein Sohn natürlich Brot isst und nicht ist. 😉 Ist ja wirklich nicht immer einfach mit dem stillen. Wir hoffen das beste, dass es auch bei Kind #2 wieder gut funktioniert.

        • DaddyDavud sagt:

          Den Vertipper habe ich gar nicht bemerkt! Selbstredend, dass viele Eltern möchten, dass ihr Kind Brot isst, jedoch nicht, dass es Brot ist. 😉

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