Aufwachen!

Bodrum_Refugee_Vater_Blog

 

Es sieht aus als würde er friedlich schlafen. Das Gesicht von einem abgewendet, die Arme entspannt neben sich ruhend. Ich kenne diesen Anblick. Mein Sohn hat in etwa die gleiche Statur, das gleiche Alter, Jeden Morgen blicke ich auf seinen Hinterkopf, während er noch friedlich schläft. Ich streiche ihm über den Kopf, reibe meine Nase in seinen Nacken, um ihn sanft zu wecken. Dabei sauge ich seinen Geruch ein. Manchmal kitzel ich seine Handinnenflächen, hebe vorsichtig seine vom Schlaf ermatteten Arme. Je nachdem wie tief er noch schläft, dauert es kürzer oder länger, bis er wach wird, sich mit Schwung zu mir umdreht und mich angrinst. Dieser Augenblick gehört zu den besten Momenten meines Tages.

Schnell stellt man bei dem Foto jedoch fest, dass dieses Kind nicht in einem kuscheligen Bett liegt, sondern am Strand, den Kopf in Richtung Brandung. Der Junge trägt kurze Hosen und ein T-Shirt. Die Kleidung ist völlig durchnässt. Er ist ertrunken. Und das nur, weil er nicht wie mein Sohn in Deutschland geboren wurde, sondern in einem Land, in dem die Zustände so schlimm sein müssen, dass sich seine Eltern in ihrer Verzweiflung dazu entschlossen haben, die gefährliche Reise über das Meer anzutreten. Ich schaue das Bild an und ich habe Gänsehaut und bin ratlos.

Es muss eine Ende haben!


IBDV-Redaktion:
Wir haben lange gezögert, ob und wie wir uns zur Flüchtlingskatastrophe äußern sollen. Letztendlich ist es doch so, dass wir die radikalen Seelen, die gegen Flüchtlingsheime protestieren, mit unseren Mitteln des Dialogs niemals erreichen können und werden. Denn: Unsere Kritik an diesen Menschen, ist ihr Lohn. Unsere Texte und Meinungen werden (hoffentlich) von Menschen gelesen, die an die Menschlichkeit glauben und barmherzig sind.

Wir haben den Hass lange unterschätzt und arrogant belächelt. Das Lachen ist uns schon lange im Halse stecken geblieben. Wir haben eingesehen, dass das die falsche Denke war. In der heutigen Zeit, die politischer denn je ist, müssen wir Flagge zeigen. Die grundrassistische Haltung, nicht einzelne Menschen, sondern ganze Völker als Einheit zu betrachten, ohne ihnen die gleichen Grundrechte zuzubilligen wie der eigenen Ethnie, ist per Definition rechtsextremistisch, antidemokratisch und autoritär. Das Bild des offenen Europas ist am Boden und liegt in Scherben, wegen lauter Ewiggestrigen, die behaupten sie wären die einzigen, die wahren Vertreter des Volkes. Wir alle, die schweigende Mehrheit, müssen lauter sein und ihnen entgegenschreien: NEIN, SEID IHR NICHT!

Das Bild des ertrunkenen Jungen in Bodrum hat uns alle fertig gemacht. Im Netz fängt jetzt prompt die Debatte an, ob man das Bild publizieren darf oder nicht. Die Würde der Opfer muss berücksichtigt werden, daher hat sich die dpa auch entschieden das Bild verpixelt rauszugeben. Unserer Meinung nach braucht es das Bild nicht, um die Not der Flüchtlinge zu beschreiben. Dennoch sind Bilder wichtig, weil sie Aufmerksamkeit generieren und den Kern des Problems fernab von Metaebenen darstellt. Das Bild ist bereits jetzt zum Symbol der Flüchtlingskrise geworden. Was das Napalm-Mädchen für den Vietnamkrieg war, kann der Junge für die Flüchtlingspolitik bedeuten. Damals gab es in den USA einen gesellschaftlich und medialen Wandel, vielleicht passiert jetzt etwas vergleichbares in der Flüchtlingspolitik, und noch wichtiger: Hoffentlich raffen die Mitläufer und Unentschiedenen, dass sie den falschen Idealen folgen und besinnen sich auf unsere Grundwerte. Ob und warum das Bild publiziert werden soll, sind wichtige Fragen, aber sie müssen jetzt in den Hintergrund rücken, weil täglich hunderte von Menschen in Schlauchboote steigen.

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3 Antworten

  1. Danke. Mich verfolgt dieses Bild schon den ganzen Tag und der dicke Kloß in meinem Hals will einfach nicht weggehen. Auch fehlen mir die Worte, ich wusste nicht, was ich dazu schreiben soll… Es hat mir das Herz gebrochen…

  2. Ich glaube krass trifft es, zumindest für mich. Krasser Artikel, der einen schlucken lässt. Mich Tränen runter schlucken. Danke dafür. Aufwachen. Das ist leider kein Albtraum, das ist die Realität

  1. 8. September 2015

    […] Themenfindung im stillen Kämmerlein entwickelte sich um uns herum jedoch ein ganzer Haufen echter Probleme, beispielsweise in Form aufgebrachter, rechter Mobs, die sich vor Flüchtlingsheimen durch die […]

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