Animateure from Hell

Bild: Center Parcs

Bild: Center Parcs

Es war immer sonnenklar: Animation im Urlaub ist mindestens zu ignorieren, wenn nicht gar zu verachten. Das galt ausnahmslos für alle Variationen der aufgezwungenen Leichtigkeit: egal ob viertklassige Imitationen längst verblichener Pop-Ikonen, Akrobatik-Shows von ehemaligen Praktikanten diverser Staatszirkusse oder braungebrannte Fitness-Sternchen, die eine bemitleidenswerte Pool-Besatzung dazu auffordern, ihrem Vordermann an die (Schwimm-) Nudel zu fassen. Von der Kinder-Animation ganz zu schweigen: Natürlich hielt ich es immer für unangemessen, sein Kind auch noch im Urlaub fremdbetreuen zu lassen und in einem Club abzuladen, wo es mit modernsten Marketingmethoden infiltriert wird, CDs, Spiele, Malbücher, Trinkbecher, Wasserbälle und Windeln mit dem Konterfei des jeweiligen Maskottchens zu kaufen von den Eltern kaufen zu lassen.

Sonnenklar war es. Doch dann trat vor einigen Tagen Orry in mein Leben. Orry ist der Kinderfreund von Center Parcs. Der gute Kerl trägt rote Klamotten zu grünen Haaren und unterhält die urlaubenden Kinder mit

  • lustigen Spielen (ich denke, jeder 6-jährige liebt Bingo),
  • bunten Shows (die passende CD ist natürlich käuflich zu erwerben) und
  • einer Kids Parade im Orry Mobil (ich wünsche mir übrigens neuerdings einen umgebauten Golf-Kart mit Discokugel und fetter Anlage).

Ihr könnt euch denken, wie ich reagierte: Wir brauchen Orry nicht! Wenn hier einer ein Top-Urlaubs-Unterhaltungsprogramm liefert, dann bin das ja wohl ich und nicht der Typ aus dem Marketinghandbuch. Doch da hatte ich die Rechnung ohne den Wirt gemacht.

Mit letzter Kraft schleppten sich das Kind und ich nach einer ausgiebigen Rutsch- und Schwimmsession im Badeparadies wieder zurück in die Zivilisation, als uns plötzlich laute Musik entgegen schallte: Unser beider Neugierde war geweckt, so dass wir Sekunden später vor der Bühne des Center Parcs standen – zusammen mit 30 anderen Kindern, ihren Eltern und – Orry! Der Grünhaarige animierte das kleine Volk zu grenzdebilen Gruppentänzen und das Kind hatte nichts Besseres zu tun, als mir nur einen kurzen fragenden Blick zuzuwerfen und sich nach einem knappen Nicken meinerseits ins Getümmel zu stürzen. Objektiv betrachtet folgte eine Reise durch die siebte Hölle: Ententanz, Polonaise und als Höhepunkt das „Flieger-Lied“. Was ich vor drei Jahren noch kühl-arrogant belächelt hätte, löste nun eine gänzlich andere Reaktion in mir aus: Ich war von Glück erfüllt ob der Tatsache, dass ich offenbar keinen Soziopathen heranziehe, sondern dass das Kind genoss, von gleichaltrigen Fremden an die Hand genommen zu werden und sogar Talent für das Erlernen einer Choreographie andeutete (von mir hat sie das nicht!).

Manchmal lohnt doch ein zweiter Blick: Ich musste zugeben, dass sich dieser Orry gar nicht so übel anstellte. Und noch was: Grüne Strubbelhaare, rote Hochwasserhosen und dazu bordeaux-farbene Doc Martens? Hey, das ist doch irgendwie alles auch nur Punk!

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Lempi

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Der Autor Thomas "Lempi" Lemken ist Papa von zwei Töchtern. Das bedeutet: Als einziger von uns lebt er mit gleich drei Frauen unter einem Dach. Neben seiner Funktion als Leithammel, ist er Gründungsmitglied, Stammautor und Lektor unseres Blogs.

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